AusBlick

Die monatliche Konjunktur- und Markteinschätzung

Der „AusBlick“ bietet Ihnen eine ausführliche Analyse der Ereignisse an den Kapitalmärkten und der Weltwirtschaft. Neben einer Beschreibung unserer Anlagestrategie wird zusätzlich ein aktuelles Fokusthema tiefgreifend analysiert.
04. September 2020

Wirtschaft & Märkte

Vor Monatsfrist war es primär noch der rasante Wiederanstieg der Corona-Infektionen in den USA, der Volkswirten und Analysten Sorgenfalten ins Gesicht trieb. Nun aber zeigen auch die Fallzahlen in Europa wieder nach oben – besonders deutlich in Spanien, aber auch in Frankreich (siehe Grafik 3).

Grund dafür ist zum einen die nachlassende „social distancing“-Disziplin vor allem junger Menschen (erst recht in der Ferien- und Reisezeit). Aber auch die zeitnahe Nachverfolgung von Infektionsketten („tracing“) sowie höhere Testzahlen dürften zum Wiederanstieg beigetragen haben. Im März/April gab es das nur bei wirklich akuten Verdachtsfällen. Daher ist – anders als in den USA –die Sterblichkeitsrate im Euroraum zuletzt auch nicht wirklich angestiegen (siehe Grafik 4). Der Anteil von Infizierten ohne oder mit nur leichten Symptomen hat spürbar zugenommen.

Grund für Selbstgefälligkeit ist das aber keineswegs. Auch wenn sich Corona-Lage und Krisenmanagement in Europa noch immer weit besser darstellen als in den USA und auch wenn sich der Wiederanstieg bei uns lokal oder zumindest regional eingrenzen lässt – die jüngste Entwicklung mahnt zur Vorsicht. Lässt sich der Anstieg nicht bald deckeln, droht eine weitreichende Ausweitung der sozialen Distanzierungsmaßnahmen wie eine umfassende Maskenpflicht, verkürzte Öffnungszeiten, Zugangsbeschränkungen, kleinere Versammlungsgrößen oder auch vermehrte Reisewarnungen – mit entsprechenden Bremswirkungen insbesondere für die Dienstleistungssektoren. Die Risiken hierfür sind spürbar gestiegen.

Was für uns aber nach wie vor nur ein Prognoserisiko darstellt, ist ein neuerlicher, europaweiter und umfassender Lockdown von Wirtschaft und Gesellschaft wie noch im Frühjahr. Die Hürde für eine umfängliche Schließung von Einrichtungen und Betrieben ist mittlerweile deutlich gestiegen – auch weil ein effizientes „Tracing“ nunmehr zielgerichtete, lokale Gegenmaßnahmen erlaubt. Die vielfach milderen Krankheitsverläufe der Infizierten sprechen ebenfalls für diese Einschätzung.

Euroraum: Mobilität und Aktivität trotzen Infektionszahlen

 

Die steigenden Fallzahlen in Kontinentaleuropa scheinen dann auch die Rückkehr zur „neuen“ Normalität nicht wirklich einzubremsen, zumindest bislang nicht. So stiegen die Mobilitätsindizes von Apple oder auch Google bis vor kurzem weiter an (siehe Grafik 5). Damit öffnete sich die Schere zu den USA weiter. Die dortigen Indizes sind seit Anfang Juli kaum mehr gestiegen. Großbritannien hinkt diesbezüglich ohnehin hinterher.

Das unterstreicht unsere schon seit längerem vertretene These, wonach sich in Kontinentaleuropa (anders als in den USA) die anfängliche Korrelation von Mobilitäts- und damit auch die ökonomischen Aktivitätsindizes einerseits und Infektionsgeschehen andererseits massiv zurückgebildet hat. Das war schon vor Monatsfrist unser zentrales Argument dafür, dass der Euroraum die USA in Sachen Erholungsdynamik ausstechen dürfte.

Daher überrascht es nicht wirklich, dass die Erholung zeitnaher Konjunkturindikatoren EWU-weit voranschreitet. Das zeigen nicht nur diverse real time-Daten (u. a. Stromverbrauch). Ähnliche Signale kommen von den harten Konjunkturindikatoren, selbst wenn sie zeitlich noch hinterherhinken (Erhebungs- und Publikationsverzögerungen). Die Einzelhandelsumsätze haben ihr Vor-Corona-Niveau bereits im Juni wieder erreicht – stark getrieben allerdings vom Konsumrückstau der Vormonate. Die Industrieproduktion, die anders als der private Verbrauch nicht von einem aufgestauten Auftragsbestand profitieren konnte (im Gegenteil), unterstreicht hingegen, dass sich der gesamt­wirtschaftliche Aufholprozess noch länger hinziehen dürfte. Aber auch der Industrieausstoß impliziert zumindest ein Anfangs-V (siehe Grafik 6) – zumal wir noch spürbare Zuwächse zumindest für Juli, möglicherweise auch den August erwarten. Wir können daher bei unserer Prognose bleiben, wonach das reale BIP im laufenden Quartal EWU-weit um 10 % (oder sogar etwas mehr) zulegen dürfte.

Anlass zur Zufriedenheit oder gar Selbstgefälligkeit sollte aber auch das nicht sein. Zum einen sind die Abwärtsrisiken für den weiteren Aufholprozess mit den höheren Infektionszahlen wieder gestiegen. Hinzu kommt eine zunehmende sektorale und auch regionale Divergenz des Aufholprozesses. Während die traditionellen Industriebranchen ein nachhaltiges Comebacks zeigen, hinken viele Dienstleistungen hinterher. Diese Einschätzung basiert zwar eher auf anekdotischer denn statistischer Evidenz. Die Gründe aber liegen aber auf der Hand. Weil Corona und damit auch die Notwendigkeit sozialer Distanz uns noch bis zu einer Massenimpfung (nicht vor Mitte 2021) begleiten wird, sollten Branchen, die auf soziale Nähe „ausgerichtet“ sind, noch lange leiden. Das gilt für das Tourismus- und Hotelgewerbe genauso wie für Restaurants, Bars, Kinos, Musik- und Sportveranstaltungen, Kultureinrichtungen sowie den Flugverkehr. Trotz anhaltender (und verlängerter) staatlicher Hilfen dürften in den kommenden Monaten und Quartalen viele (insbesondere kleine und mittlere) Dienstleister und (Solo)Selbständige insolvent werden – mit entsprechenden Bremswirkungen für die gesamtwirtschaftliche Nachfrage. Die jüngste Minuskorrektur des aggregierten Einkaufsmanagerindex für den Euroraum mag eine Warnung sein. Der Rückgang um 3,3 auf 51,6 Punkte im August – zwischen Mai und Juli stieg der Index allerdings um über 40 Zähler – war allein auf die Dienstleistungskomponente zurückzuführen.

Das gesellt sich zu den sattsam bekannten Argumenten wie den Basiseffekt (rückläufige Wachstumsraten mit Annäherung an das Vor-Krisenniveau) und der schwindenden Durchschlagskraft wirtschaftspolitischer Maßnahmen. Sie alle dürften dafür sorgen, dass die wirtschaftliche Aufholbewegung sich schon im vierten Quartal deutlich verflachen sollte. Hauptgrund aber ist die rasch abflauende Konsumdynamik. Die spürbar gestiegene Sparquote und das doch recht verhaltene Konsumentenvertrauen belasten (siehe Grafik 7).

Neben einer sich akzentuierenden sektoralen Divergenz ist auch eine stärkere regionale Entkopplung im Euroraum wahrscheinlicher geworden. Deutlich steigende Fallzahlen im Verbund mit internationalen Reisewarnungen sollten vor allem dem spanischen Dienstleistungssektor heftig zusetzen. Spaniens Volkswirtschaft ist mit einem BIP-Anteil von 15 % stark vom Tourismus abhängig. Die Hoffnungen, wenigstens einen Teil der Saison retten zu können, haben sich weitgehend zerschlagen. Gut möglich, dass der Aufholprozess auf der iberischen Halbinsel schwächer verläuft und sich länger hinzieht als bisher veranschlagt – selbst wenn Spaniens Ansprüche aus dem EU-Wiederaufbaufonds steigen dürften.

USA: Der Wahlkampf wirft seine dunklen Schatten voraus

 

Noch stärker aber ist der Gegenwind für die US-Erholung. Selbst US-Investmenthäuser veranschlagen für das laufende Quartal ein nur halb so hohes BIP-Wachstum wie im Euroraum. Was die Aufholdynamik jenseits des Atlantiks schon jetzt einzubremsen beginnt, ist ein Dreiklang aus schlechtem Corona-Krisenmanagement bzw. steigenden Fallzahlen, einer wohl kaum abzuwendenden Fiskalklippe („fiscal cliff“) sowie düsteren Vorboten eines Wahlkampfs, der zunehmend Unsicherheiten schürt. Doch der Reihe nach.

1. Das Wiederaufleben des Infektionsgeschehens Ende Juni hat die US-Mobilitätsindizes in den vergangenen Wochen eingebremst. Die Google-Werte für die wirtschaftlich wichtigen Segmente haben ein Plateau ausgebildet (siehe Grafik 8).

Das bleibt nicht ohne Rückwirkungen auf die Konjunkturindikatoren. Die Erholung geht zwar weiter, das Momentum aber scheint bereits nachgelassen zu haben. So stiegen die Einzelhandelsumsätze im Juli erneut an, blieben aber nicht nur hinter den Erwartungen zurück, sondern fielen weit schwächer aus als die boomenden Zahlen im Mai und Juni. Beim ohnehin gedrückten Konsumentenvertrauen gab es zuletzt sogar Rücksetzer (siehe Grafik 9). Ähnliches gilt für die Stimmung kleiner und mittlerer Firmen (NFIB) sowie einige regionale Fed-Erhebungen. Der landesweite Einkaufsmanagerindex konnte zwar weiter zulegen, sollte aber nicht überbewertet werden. Insgesamt impliziert all das für das laufende Quartal ein relativ schwächeres BIP-Wachstum als im Euroraum.

Auch die unkonventionellen „real time“-Daten zeigen Ermüdungserschei­nungen. Das gilt für die Kreditkartenausgaben genauso wie Neugründungen von (kleinen) Firmen, die Anmietung von Ferienwohnungen oder auch die Benzinnachfrage (und das zur Reisezeit). Der einzige Sektor, der zurzeit wirklich gut läuft, ist die Bau- und Immobilienbranche.

2. Was den Konsumenten aber auch Kleinunternehmen vermehrt zusetzen dürfte, ist die drohende Fiskalklippe („fiscal cliff“). Früher ein Synonym für die Wachstumsbelastungen auslaufender Steuersenkungen und automatischer Ausgabenkürzungen steht sie heute für auslaufende Corona-Hilfen bzw. dem Ausbleiben eines neuen Hilfsprogramms. Ein weiteres, 1-1,5 Billionen USD-schweres Konjunkturpaket war von Analysten und Volkswirten fest eingeplant (und Basis für die projektierte V-förmige Erholung). Nun aber hängt es im Kongress – ohne Aussicht auf eine schnelle Einigung. Präsident Trump versuchte es mit Ausführungsverordnungen („executive orders“). Die aber dürften kaum die 100 Mrd. USD-Grenze über­schreiten, also weniger als ein Zehntel der eingeplanten Summe. Wir rechnen zwar weiterhin mit einer (Teil)Einigung. Mit jeder Woche Blockade aber steigt das Risiko, dass die Erholung eingebremst wird – zumal die Trump-Schecks für die Arbeitslosen bereits von 600 USD auf 400 pro Woche gekürzt wurden. Nur zur Erinnerung: Der private Verbrauch ist, anders als bei uns, der Treiber der Konjunktur.

3. Freilich, und damit sind wir beim dritten Punkt, dürften der Haushaltsstreit auch wahltaktisch geprägt sein. Der Wahlkampf wirft seine dunklen Schatten voraus. Politische Auseinandersetzungen scheinen mehr und mehr persönlicher Verunglimpfungen zu weichen. Es könnte einer der härtesten Wahlkämpfe in der Geschichte der USA werden, der die ohnehin schon tiefe politische Spaltung des Landes noch verschärft. Die Diskussionen um Polizeigewalt und die dadurch ausgelösten Ausschreitungen lassen die politischen Unsicherheiten weiter steigen. Biden hat in den Umfragen derzeit zwar die Nase noch vorn (siehe Grafik 10). Aber Trump kämpft hart, um doch noch als und als Sieger über die Ziellinie zu gehen. Er hat zuletzt aufholen können. Es läuft auf ein Kopf-an-Kopf-Rennen hinaus. Mehr noch – im Fall einer (knappen) Niederlage ist die Gefahr groß, dass die Wahl angefochten wird. Es droht dann eine Hängepartie, die die von 2000 (Gore vs. Bush) weit in den Schatten stellen dürfte. Das aber wäre der GAU – sind eskalierende Unsicherheiten doch Gift für Wirtschaft und Finanzmärkte gleichermaßen. Bleibt nur zu hoffen, dass uns solch ein Szenario erspart bleibt.

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