AusBlick

Die monatliche Konjunktur- und Markteinschätzung

Der „AusBlick“ bietet Ihnen eine ausführliche Analyse der Ereignisse an den Kapitalmärkten und der Weltwirtschaft. Neben einer Beschreibung unserer Anlagestrategie wird zusätzlich ein aktuelles Fokusthema tiefgreifend analysiert.
11. Mai 2021

Wirtschaft & Märkte

Hoffnung macht sich breit, Hoffnung, dass die Weltwirtschaft pünktlich zu Frühjahrsbeginn mächtig Fahrt aufgenommen hat – und diesmal, anders noch als im letzten Sommer, wirklich nachhaltig. Das Wachstum sollte sich, angeführt von den USA, im laufenden Quartal spürbar beschleunigen. Zeitgleich ziehen auch die Inflationsraten an und orientieren sich in Richtung der von den Notenbanken angepeilten Zielgrößen. Die Aktienmärkte hatten solch ein globales Reflationierungsszenario schon vor Monaten begonnen einzupreisen, zur Rekordjagd geblasen und sich auch von den Corona-Rücksetzern zum Jahreswechsel nicht beirren lassen – zu Recht, wie sich nun herauszustellen scheint. Doch der Reihe nach.

Euroraum: Holpriger Start ins Jahr

 

Was sich in den zeitnahen Konjunkturzahlen bereits angedeutet hatte, ist nun amtlich: Weltweit hat sich das Wirtschaftswachstum im ersten Quartal nahezu halbiert. Verantwortlich für den Rücksetzer war neben Asien vor allem Europa. Schon gegen Ende 2020 im Rückwärtsgang, rutschte der Euroraum zu Jahresbeginn vollends in die Rezession. Die dritte Corona-Welle mit seinen Mobilitäts- und Aktivitätseinschränkungen sorgte insbesondere bei Dienstleistungen und damit auch beim privaten Konsum für heftige Bremsspuren. Das reichte, um die EWU-weite Wirtschaftsleistung um 0,6% gegenüber Vorquartal schrumpfen zu lassen (Q4/20: -0,7%). Der gut behauptete Industriesektor konnte zwar einen Konjunktureinbruch wie im letzten Frühjahr verhindern, nicht aber den Rückschlag (siehe Grafik 5).

Bemerkenswert an den europäischen Zahlen ist die ungewöhnliche regionale Spreizung, war es diesmal doch Deutschland, das mit einem Minus von 1,7% den Euroraum in die Tiefe zog. Das gab es in der Nachkriegsgeschichte nur selten. Hier rächte sich der vergleichsweise späte und halbherzige „Lockdown“.

Noch stärkere BIP-Verluste als Deutschland musste übrigens wohl Großbritannien wegstecken (-2,2%, Prognose). Dort wurde die Wirtschaft zu Jahresbeginn von Corona und dem Brexit (Exporteinbruch) regelrecht in die Zange genommen. Nur gut, dass dort die Impfungen sehr schnell vorangekommen waren. Das hat Schlimmeres verhindert.

Die USA hingegen konnten einen neuerlichen Rücksetzer abwenden und mit einem BIP-Plus von 1,6% (annualisiert: 6,4%) ihr solides Wachstumstempo von Ende letzten Jahres sogar noch steigern. Ausschlaggebend für die „Outperformance“ war der dynamische private Verbrauch. So schossen die realen Einzelhandelsumsätze in den vergangenen Monaten regelrecht nach oben, während sie bei uns wieder schrumpften (siehe Grafik 6).

Profitieren konnten die US-Konsumenten dabei insbesondere von der schnellen Auszahlung üppiger Corona-Schecks („stimulus payments“). Auch die raschen Impferfolge bzw. die weiter steigende Mobilität (siehe Grafik 7) dürften die Kauflaune gesteigert haben – ist den USA doch eine dritte Corona-Welle erspart geblieben.

Wachstumsbeschleunigung gepaart mit Wachstumsrotation: Die USA lösen China als Wachstumsführer ab

 

Wichtiger als der Blick in den Rückspiegel ist indes der nach vorn. Und er ist verheißungsvoll. Denn die Weltwirtschaft nimmt schon wieder mächtig Fahrt auf. Gleichzeitig verschieben sich die Wachstumszentren. Was sich in den letzten Monaten bereits angedeutet hatte, dürfte im laufenden Quartal wahr werden: Die etablierten Industrienationen lösen die Schwellenländer als Impulsgeber ab. Dabei laufen die USA China vollends den Rang ab und etablieren sich als globa-ler Wachstumsführer.

Chinas Wachstumsabschwächung ist aber keine Enttäuschung, sondern lediglich die erwartete Normalisierung nach dem rasanten Aufholtempo im vergangenen Jahr. Dabei profitierte China von seinem „first in, first out“-Status. Den Einbruch zu Beginn letzten Jahres hatte die chinesische Wirtschaft schon im vergangenen Frühjahr wettgemacht, als der Rest der Welt in der Pandemie-Rezession versank. Gegen Ende 2020 war dann auch die dynamische Lücke geschlossen, also das Niveau erreicht, das sich bei Trendfortschreibung ohne Corona-Krise ergeben hätte (siehe Grafik 8).

Dass sich spätestens dann das Wirtschaftswachstum wieder auf seinen Potenzialpfad einzuschwenken beginnt, liegt auf der Hand – zumal die Machthaber in Peking in diesem Jahr damit begonnen haben, ihre fiskal- und geldpolitischen Stimuli zurückzufahren („fiscal & monetary drag“).

Es liegt aber nicht nur an China, dass die Schwellenländer als Gruppe ihre globale Wachstumsführerschaft nun an die etablierten Industrieländer verlieren, sondern auch an den beiden anderen „Emerging Market“-Schwergewichten Indien und Brasilien. Dort ist Corona mittlerweile außer Kontrolle geraten und lässt die Volkswirtschaften in die Rezession abstürzen. Eine rasche Erholung ist dabei nicht zu erwarten, kommt dort doch die Impfkampagne nur äußerst schleppend voran.

Frühjahrsboom in den USA

 

Ganz anders die USA. Die rasanten Impffortschritte – ursprünglich wollte Präsident Biden in 100 Tagen insgesamt 100 Mio. Amerikaner impfen lassen, nun sind es 200 Millionen geworden – sind nur ein Grund dafür, dass die USA nun die weltweite Wachstumsführerschaft übernommen haben. Auch die kontinuierlich steigenden Mobilitätsindizes bzw. die fortschreitende Öffnung der Wirtschaft („reopenings“), vor allem aber die gigantischen Fiskalimpulse von fast 3 Billionen USD im laufenden Jahr haben dazu beigetragen, dass immer mehr zeitnahe US-Konjunkturindikatoren regelrecht „boomen“.

So konnten sich die vielbeachteten Stimmungsindizes der Einkaufsmanager zuletzt zu neuen zyklischen Hochs aufschwingen (siehe Grafik 9). Dabei zeigt sich, anders als in Europa, keinerlei Spreizung zwischen Verarbeitendem Gewerbe und Dienstleistungen. Beide Größen laufen steil nach oben.

Das gilt auch für die sogenannten harten Konjunkturdaten, wie die bereits erwähnten Konsumindikatoren, die Industrieproduktion, den Bau- und Immobiliensektor oder auch die Arbeitsmarktzahlen. Und weil darüber hinaus der Staatsverbrauch weiter anziehen sollte und die Läger wieder aufgestockt werden müssen, könnte das annualisierte BIP-Wachstum im laufenden Quartal durchaus zweistellig werden. Auch für den Sommer ist noch ein weit überdurchschnittliches Plus zu erwarten, falls die weiter in die Zukunft schauenden Indikatoren nicht plötzlich an Aussagekraft verlieren sollten. Auch sie markierten zuletzt neue Zyklushochs (siehe Grafik 10).

Die Kehrseite einer boomenden US-Konjunktur sind anziehende Inflationsraten, die mittlerweile nicht mehr nur auf den Vorstufen, sondern auch bei den Endverbrauchern angekommen sind. Allerdings dürften sie nicht in Regionen vordringen, die Sorgenfalten bei Investoren oder der US-Notenbank mit sich bringen sollten. Zudem wird der Anstieg der Teuerung wohl nur temporär sein (Normalisierung). Kein Wunder also, dass die Fed auch bei ihrer jüngsten Sitzung Gelassenheit demonstrierte. Ihre geldpolitische Ausrichtung sollte noch länger unver-ändert bleiben. Es wird wohl Herbst werden, bevor der geldpolitische Ausschuss überhaupt in die Diskussion über ein Zurückfahren der Wertpapierkäufe („Tapering“) einsteigen wird.

Der Euroraum läuft noch hinterher, kann im Sommer aber durchstarten

 

Europa kann das US-Wachstumstempo derzeit nicht mitgehen – noch nicht. Aber auch bei uns stehen die Zeichen bereits auf Besserung. Die Impulse kommen dabei primär von der spürbaren Belebung der Weltwirtschaft (was in erster Linie der Exportwirtschaft zugutekommt), der Geldpolitik (wieder mehr EZB-Käufe im Rahmen des Pandemie-Programms PEPP) und – mit Abstrichen – von neuen, wenn auch relativ überschaubaren Fiskalmaßnahmen (u.a. Nachtragshaushalte).

Demgegenüber gehen von der drittem Corona-Welle bzw. notwendig gewordenen „Lockdowns“ noch immer Belastungen aus – insbesondere für das Dienstleistungsgewerbe. Das zeigt sich dann auch in den entsprechenden Einkaufsmanagerindizes. Seit Kurzem tendiert letzterer zwar auch wieder nach oben. Er notiert allerdings erst an der kritischen Schwelle von 50, die Expansion von Schrumpfung trennt. Zudem ist die außergewöhnlich große Spreizung zum Verarbeitenden Gewerbe nicht wirklich kleiner geworden (siehe Grafik 11).

Unter dem Strich dürfte daher das EWU-weite BIP im laufenden Quartal zwar wieder spürbar wachsen und seine Verluste zum Jahresauftakt wettmachen können. Wirklich durchstarten aber sollte der Euroraum erst im Sommer. Das implizieren allein schon die Frühindikatoren, die zuletzt kräftig gestiegen sind und neue zyklische Hochs erreicht haben (siehe Grafik 12).

Aber auch analytisch spricht Vieles dafür, dass das BIP-Wachstum im Sommerquartal in annualisierter Rechnung durchaus zweistellig ausfallen könnte. So nimmt die äußerst zäh angelaufene Impfkampagne endlich Fahrt auf. Zuletzt sind die Quoten EWU-weit exponentiell gestiegen. Die Hoffnung, dass im Sommer allen Erwachsenen ein Impfangebot unterbreitet werden kann, scheint sich zu erfüllen.

Zusammen mit den wärmeren Temperaturen sollte das dazu beitragen, dass gegen Ende des laufenden Quartals die Lockdown-Maßnahmen zurückgefahren werden können. Das wäre dann auch der Startschuss für das endgültige Lockern der Konsumbremsen. Ein zurückgestauter Bedarf (insbesondere bei Dienstleistungen wie Hotels/Gastronomie und Unterhaltung) im Verbund mit einer rasch steigenden Kauflaune und wieder rückläufigen Sparquoten sollte die persönlichen Ausgaben im Sommerquartal regelrecht anschwellen lassen.

Hinzu kommt, dass dann auch die Auszahlung der bisher blockierten Mittel aus dem 750 Mrd. EUR schweren Europäischen Wiederaufbaufonds („Next Generation EU“) beginnen kann, nachdem das Bundesverfassungsgericht grünes Licht gegeben hat. Das sorgt für (fiskalischen) Rückenwind. Gut möglich also, dass der Euroraum in der zweiten Jahreshälfte zu den USA aufschließen und kurzfristig sogar an ihnen vorbeizeihen kann (siehe Grafik 13). Es verspricht also ein sehr warmer Sommer zu werden – auch wenn noch Restrisiken bleiben.

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