AusBlick

Die monatliche Konjunktur- und Markteinschätzung

Der „AusBlick“ bietet Ihnen eine ausführliche Analyse der Ereignisse an den Kapitalmärkten und der Weltwirtschaft. Neben einer Beschreibung unserer Anlagestrategie wird zusätzlich ein aktuelles Fokusthema tiefgreifend analysiert.
09. Februar 2021

Unsere Anlagestrategie

Die jüngsten Ereignisse, wie etwa die anlaufenden Massenimpfungen, die zusätzlichen fiskalischen Impulse der USA sowie die robuste Erholung in China, unterstützen unser globales (Reflationierungs-)Basisszenario und die Präferenz für risikobehaftete Anlagen: Aktien gegenüber Anleihen und Unternehmens- gegenüber Staatsanleihen bzw. Cash. Dementsprechend bevorzugen wir im Aktienportfolio derzeit Titel und Segmente, die von der Erholung profitieren („recovery plays“), wie Schwellenländer- (Emerging Markets) und europäische Aktien. Darüber hinaus werden Impfkampagnen und Fiskalpakete wohl auch weiterhin die Rotation in werthaltige (value) bzw. zyklische Aktien unterstützen. Gleichzeitig bekräftigen wir unsere strategische Ausrichtung auf die Technologie- und Gesundheitssektoren. Sprachen schon die langfristigen Trends für diese Branchen, wurden sie nun durch die Pandemie weiter aufgewertet.

Die Einigung über das EU-Wiederaufbauprogramm („Next Generation“) und Bidens Entscheidung, die USA wieder in das Pariser Klimaabkommen zurückzuführen, verstärken zudem unsere strategische Ausrichtung auf ESG-Themen – also Umwelt, Soziales und verantwortungsvolle Unternehmensführung. Wir sind der Überzeugung, dass der Fokus auf Nachhaltigkeit einen Wendepunkt erreicht hat, nachdem sie mittlerweile ins Zentrum des Handelns globaler politischer Entscheidungsträger gerückt ist – vom EU-Wiederaufbauprogramm über Bidens Green Deal bis hin zur Verpflichtung Chinas und Japans zur Klimaneutralität.

Unter den jüngsten Entwicklungen sticht insbesondere die „blaue Welle“ in den USA heraus. Mit der Kontrolle der Demokraten auch über den Senat sind die Chancen für rasche zusätzliche Konjunkturprogramme von bis zu 1,9 Billionen Dollar (9% des US-Bruttoinlandsprodukts) gestiegen. Bidens Vorschlag zusätzlicher Coronahilfen beinhaltet einmalige Konjunkturschecks an Haushalte in Höhe von 1.400 Dollar (zusätzlich zu den 600 USD als Teil des im Dezember verabschiedeten Pakets), 400 statt bisher 300 Dollar pro Woche an erweiterter Arbeitslosenunterstützungen bis September, 350 Milliarden Dollar an Hilfen für (bundes)staatliche und kommunale Regierungen, eine Erhöhung des Mindestlohns auf 15 Dollar pro Stunde, 160 Milliarden Dollar für COVID-19-Impfungen und -Tests sowie 130 Milliarden Dollar für Schulen. Die Verabschiedung des Pakets wird für Ende Februar erwartet, was auch vor dem Hintergrund der jüngsten schwachen Arbeitsmarktdaten zu sehen ist und ein deutliches Plus für das US-BIP-Wachstum bedeuten würde.

Der Anstieg der Rendite 10-jähriger US-Staatsanleihen und die Versteilerung der US-Renditekurve sind symptomatisch für das wachsende Vertrauen der Anleger in eine schnellere und robustere Erholung der USA, die durch eine Kombination aus wirksamen Impfstoffen und zusätzlichen fiskalischen Stimuli angeschoben werden dürfte. Wir sind daher bei Staatsanleihen zurückhaltend (weiterer Renditeanstieg und damit Kursverluste) und erwarten eine schlechtere Performance von US-Staatsanleihen gegenüber ihren europäischen Pendants. Die beruhigenden Aussagen von US-Notenbankchef Powell zur Rückführung von Wertpapierkäufen („tapering“) und der zunehmende Wachstumsoptimismus stimmen uns jedoch zuversichtlich für Unternehmensanleihen – auch weil der Europäischen Zentralbank (EZB) weiterhin eine Schlüsselrolle an den europäischen Anleihemärkten zukommt. Dies gilt insbesondere für die Märkte für erstrangige Unternehmensanleihen im Investment-Grade-Bereich. Wir erwarten, dass die EZB monatlich Unternehmensanleihen im Wert von etwa 8 Mrd. Euro netto kaufen wird. Das unterstreicht unsere Präferenz für erstklassige Euro-Unternehmensanleihen.

Wir nutzen Carry-Trade-Strategien (Zinsdifferenzgeschäfte), indem wir uns auf Schwellenländer-Anleihen in lokalen Währungen konzentrieren. Obwohl in letzter Zeit durch steigende US-Anleiherenditen beeinträchtigt, bieten sie weiterhin überdurchschnittliche Renditen gegenüber Anleihen der entwickelten Märkte, eine gute Diversifizierung zwischen den Ländern und sich verbessernde Zuflüsse. Zudem dürften sie aufgrund der expansiven Geldpolitik der Fed und des Zwillingsdefizits der USA von einem schwachen USD profitieren.

Fokus: Sektorale Anlagestrategie

2020 lieferten Wachstumsaktien („growth stocks“) deutlich höhere Renditen als werthaltige Aktien (Substanzwerte, „value stocks“). Dieses Phänomen ist nicht neu, sondern zieht sich wie ein roter Faden durch die Aktienmärkte seit Beginn der Finanzkrise im Jahr 2007. Es gab in den vergangenen Jahren zwar kurze Phasen, die eine Trendwende andeuteten, die sich letztlich aber nicht als längerfristige Abweichung vom Trend erwiesen. Die Diskussion indes, ob wir vor einem nachhaltigen Bruch dieses Trends stehen, keimte in den letzten Monaten wieder auf.

Wie unterscheiden sich Wachstumsaktien von Substanzwerten? Von Wachstumsaktien spricht man, wenn das Geschäftsmodell des zugrunde liegenden Unternehmens oder des Sektors, in dem es tätig ist, ein hohes Wachstum ermöglicht. Das bedeutet, dass die Geschäftsentwicklung in der Regel weniger abhängig von Veränderungen des Wirtschaftswachstums ist. Umgekehrt sind Substanzwerte Aktien von Unternehmen, die überdurchschnittlich vom Wirtschaftswachstums profitieren und daher meist eine stärkere zyklische Komponente aufweisen. Sie sind typischerweise reife Unternehmen, haben stetige Wachstumsraten und weisen relativ stabile Umsätze und Erträge auf. Darüber hinaus bieten Value-Aktien tendenziell günstigere Bewertungen (z. B. Kurs/Gewinn- oder Kurs/Buch-Verhältnis) als ihre Wachstums-Pendants. Grundsätzlich sind sowohl Wachstums- als auch Substanzwerte in allen Sektoren zu finden, auch wenn in einigen Fällen die Grenzen verschwimmen können. Growth-Aktien sind jedoch eher in den Sektoren Technologie, zyklische Konsumgüter oder Kommunikationsdienstleistungen zu finden. Value-Aktien hingegen sind typischerweise in den Sektoren Finanzen, Gesundheitswesen und Industrie stark vertreten.

Seit Anfang November 2020 haben Value-Aktien wieder die Nase vorn und lieferten eine höhere Rendite als Growth-Aktien. Für diese Entwicklung dürften mehrere Faktoren verantwortlich sein. Die begründete Hoffnung auf eine schnelle Zulassung eines Impfstoffs gegen das Coronavirus, die sich zum Jahresende auch bewahrheitete, ließ die Anleger wieder auf Value-Aktien setzen, da eine Rückkehr der Wirtschaft auf den Erholungspfad wahrscheinlicher wurde. Darüber hinaus unterstellten viele Marktteilnehmer, dass die Wahl des demokratischen Kandidaten Joe Biden zum US-Präsidenten ein Zeichen für stärkere fiskalische Anreize in der Zukunft sei. Die Verabschiedung eines Fiskalpakets in Höhe von 900 Milliarden US-Dollar im Dezember 2020 und Bidens Pläne für weitere 1,9 Billionen US-Dollar unterstützen diese Annahme. Schließlich hat der neu gewählte Präsident eine strengere Regulierung von Technologie- und technologiebezogenen Unternehmen auf seiner Agenda, was die Entwicklung ihrer Aktienkurse bremsen könnte.

Von welcher Seite man diese Entwicklung auch betrachtet, die Aktienkurse sollten in diesem positiven Umfeld generell profitieren. Denn wenn sich ein Anlagesegment besser entwickelt (zum Beispiel Value-Aktien), muss sich die andere Kategorie nicht zwangsläufig negativ entwickeln. Wir denken, dass eine wertorientierte Aktienauswahl gute Möglichkeiten bietet, kurzfristig eine zusätzliche Rendite gegenüber dem breiten Markt zu erzielen. Dennoch sollte ein Portfolio unserer Meinung nach ausgewogen sein und beide Segmente, sowohl Value als auch Growth, repräsentieren. Der Schlüssel für ein erfolgreiches Investment liegt unseres Erachtens darin, einerseits Value-Aktien von Unternehmen zu meiden, die billig aussehen, aber strukturelle Probleme haben (Value-Fallen), andererseits aber auch von Growth-Aktien ohne nachhaltiges Geschäftsmodell abzurücken. Die Aktienauswahl und die aktive Vermögensverwaltung werden daher auch in diesem Jahr ein wichtiger Faktor für das Erreichen des Anlageziels sein.

Unsere Anlagestrategie im Überblick

Aktien

Aktien global: Übergewichten

Die Kombination aus massiven finanz- und geldpolitischen Maßnahmen und der Hoffnung auf eine weltweite Erholung ab dem zweiten Quartal 2021 (alimentiert durch die anlaufende Massenimpfung), stützt Aktien – trotz der hohen anhaltenden Unsicherheit über den weiteren Verlauf von Corona in Europa (zweite/dritte Welle, hochinfektiöse Mutationen).

Aktien Europa: Übergewichten

Kurzfristig wird diese Anlageklasse durch die zweite Corona-Welle belastet. Die Geld- und Fiskalpolitik (u.a. Wiederaufbaufonds) bleibt jedoch äußerst expansiv. Interessant sind sie auch wegen der Dividendenrenditen, die deutlich über den Renditen von Staats- und Unternehmensanleihen liegen.

US-Aktien: Neutral

Die verbesserten Wachstumsaussichten aufgrund der gestiegenen Chancen für eine Umsetzung der expansiven Finanzpolitik Bidens stützt den Markt, die weniger interessante Bewertung gegenüber z.B. ihren europäischen Pendants belastet.

Schwellenländer-Aktien: Übergewichten

Die V-förmige Erholung in China (das Vor-Corona-BIP-Niveau ist längst schon wieder überschritten) und die Hoffnung auf eine De-Eskalation des Handelskonflikts zwischen den USA und China mit der neuen Biden-Administration könnte einen Aufholprozess gegenüber der Entwickelten Welt begünstigen. Wir bevorzugen Asien als Region. Es gilt jedoch, die Länder und Sektoren in dieser Region sorgfältig zu selektieren.

Asien-Pazifik-Aktien (Entwickelte Märkte): Neutral

Japans Wirtschaft profitiert von der Erholung Chinas und der Ankündigung von Strukturreformen durch Premier Suga. Zudem hat die Region die Pandemie weitgehend unter Kontrolle. Hinzu kommt der hohe Anteil von value gegenüber zyklischen Sektoren.

Renten

Renten Global: Neutral

Globale Anleihen werden durch die expansiven geldpolitischen Maßnahmen der Zentralbanken gestützt. Allerdings sind die Bewertungen, insbesondere von Staatsanleihen der entwickelten Länder, uninteressant.

Euro Investment Grade-Unternehmensanleihen: Stark übergewichten

Europäische Investment-Grade-Unternehmensanleihen werden durch die Käufe der EZB (sowohl über das gängige Anleihekaufprogramm CSPP, Corporate Sector Purchase Programme, als auch über das Pandemiekaufprogramm PEPP) sowie die sogenannten Carry Trades (Zinsdifferenzgeschäfte) gut unterstützt. Angesichts der erhöhten Kapitalpuffer der europäischen Banken bevorzugen wir finanziell nachrangige Anleihen.

Hochverzinsliche Unternehmensanleihen: Untergewichten

Unter den risikobehafteten Anlageklassen präferieren wir derzeit Aktien, da die mangelnde Marktliquidität bei Hochzinsanleihen („high yield“) weiterhin ein Problem darstellt.

Europäische Staatsanleihen: Untergewichten

Die Geldpolitik der EZB bleibt hyperexpansiv, aber die Bewertungen von Kernländer-Staatsanleihen sind derzeit nicht interessant. Wir bevorzugen Staatsanleihen der Peripherieländer, die von der EZB und dem EU-Wideraufbaufonds unterstützt werden.

Schwellenländer-Anleihen: Übergewichten

Die Suche nach Renditen angesichts des längerfristig niedrigeren Zinsumfelds sowie ein schwächer werdenden USD bieten selektive Kaufgelegenheiten, insbesondere im Hinblick auf Schwellenländeranleihen in Lokalwährung.

Geldmärkte: Untergewichten

Geldmärkte sind nicht interessant. Geldmarktanlagen scheinen allenfalls als Absicherung gegen Unsicherheit erwägenswert.

Alternative Anlagen: Neutral

Wir bevorzugen hier liquidere Anlagestrategien.

Rohstoffe

Gold: Übergewichten

Wir erwarten, dass der Goldpreis vor dem Hintergrund niedriger Zinssätze und der monetären Reflationierung der Zentralbanken gut unterstützt bleibt. Darüber hinaus sollte er seine Rolle als „Safe Haven“ immer wieder entfalten können.

Währungen

EUR-USD: Übergewichten

Die sehr akkommodierende Geldpolitik der Fed und die Zwillingsdefizite der USA werden den USD wahrscheinlich weiter schwächen.

Unsere Anlagestrategie