AusBlick

Die monatliche Konjunktur- und Markteinschätzung

Der „AusBlick“ bietet Ihnen eine ausführliche Analyse der Ereignisse an den Kapitalmärkten und der Weltwirtschaft. Neben einer Beschreibung unserer Anlagestrategie wird zusätzlich ein aktuelles Fokusthema tiefgreifend analysiert.
04. September 2020

Unsere Anlagestrategie

Die Anzeichen einer globalen Erholung im Zuge der Wiederöffnung der Volkswirtschaften verdichten sich. Die beeindruckende Unterstützung durch Zentralbanken und die Finanzpolitik, das zunehmende Vertrauen in die COVID-19-Impfstoffentwicklung sowie das Potenzial, weitere Ausbrüche besser managen zu können, stützen derzeit risikobehafte Anlagen. Wir bleiben daher bei risikobehafteten Anlagen weiterhin konstruktiv. Da das skizzierte Umfeld bereits voll eingepreist ist, beobachten wir einige Schlüsselereignisse genau, um unsere Allokation besser „monitoren“ und feiner abstimmen zu können.

Im Einzelnen sind dies, was die USA betrifft:

1. Der Vorsitzende der US-Notenbank, Jerome Powell, kündigte einen Wechsel zu einer flexiblen Form des “Average-Inflation-Targeting” an, die das derzeitige System der Inflationssteuerung („Inflation Targeting“) ablöst.

2. Es besteht das Risiko, dass sich die Fiskalklippe negativ auf das BIP-Wachstum im 4. Quartal 2020 auswirkt.

3. Die Präsidentschaftswahlen im November und die bestehende Unsicherheit, die durch den gestiegenen Anteil der Briefwahl als Folge der Pandemie noch gesteigert werden dürfte, werfen ihre Schatten voraus.

Und in Europa:

4. Das Risiko einer zweiten COVID-19-Welle steigt.

Insgesamt sind wir der Ansicht, dass die Einführung des “Average-Inflation-Targeting” durch die US-Notenbank eine weitere Unterstützung für das auch langfristig niedrig bleibende Zinsumfeld bieten dürfte – und infolgedessen sollte die Schwäche des US-Dollars (USD) anhalten. Dies ist positiv für risikobehaftete Anlagen, da Aktien von einer Senkung der Realzinsen profitieren würden.

Was Punkt 2) betrifft, so erwarten wir, dass der US-Kongress im September zumindest eine Einigung hinsichtlich der Erneuerung der Arbeitslosen­unterstützung finden sollte.

Zu 3) Das Risiko einer Neuauszählung der Briefwahlstimmen stellt eine potenzielle Quelle für Volatilität dar. Im Falle eines Wahlsiegs der Demokraten werden die asiatischen Schwellenländer, insbesondere China, von nachlassenden Handelsspannungen profitieren.

Zu 4) schätzen wir, dass eine mögliche zweite Ansteckungswelle in Europa besser bewältigt werden kann als in den USA – sowohl aus gesundheitlicher als auch aus wirtschaftlicher Sicht, da der öffentliche Sektor ein höheres Gewicht hat.

Die Punkte 2) bis 4) unterstützen unsere Präferenz für europäische gegenüber US-Aktien. Die europäischen Aktien bieten derzeit eine interessante Kombination aus einer günstigeren Bewertung, einem besseren Management der COVID-19-Krise, einer geringeren politischen Unsicherheit und einer möglichen Fortsetzung des Aufholprozesses von Value- und zyklischen Sektoren. Darüber hinaus erwarten wir, dass die Versorgungs- und Digitalsektoren in Europa durch den Wiederaufbaufonds (Recovery Fund) Auftrieb erhalten werden.

Was das Anleihenportfolio betrifft, rechnen wir damit, dass Staatsanleihen der Peripherieländer durch den Recovery Fund und die Maßnahmen der EZB weiter­hin gut unterstützt bleiben. Euro Investment Grade (IG)-Unternehmensanleihen werden durch die Käufe der EZB (sowohl durch das traditionelle (CSPP) als auch das Pandemiekaufprogramm (PEPP)) und durch die Carry Trades der Investoren stark unterstützt. Wir erwarten eine weitere Aufstockung des PEPP um 250-500 Milliarden Euro, die bis Jahresende angekündigt werden dürfte. Schon jetzt hat sich die EZB zum Kauf von Anleihen im Umfang von1,35 Billionen Euro bis Mitte nächsten Jahres verpflichtet, mit Reinvestitionen bis mindestens Ende 2022. Obwohl die europäischen Kreditspreads recht eng erscheinen, dürften unserer Meinung nach durch die starke Unterstützung der die EZB, die geringere Hebelwirkung und Volatilität sowie das Fehlen von Währungsrisiken Euro-Unternehmensanleihen („investment grade“) eine interessante Investmentoption sein, natürlich unter Beachtung zu Grunde liegender Risiken.

Infrastrukturinvestitionen – eine neue Ära beginnt

Um der von der Pandemie ausgelösten Rezession entgegenzuwirken, wurden beispiellose Finanzpakete geschnürt. Die globalen fiskalischen Maßnahmen im Jahr 2020 dürften mit 10 Billionen USD gegenüber 8 Billionen nicht nur umfangreicher ausfallen als die geldpolitischen Maßnahmen, sondern auch wirksamer sein. Der deutliche Unterschied zur jüngeren Vergangenheit besteht darin, dass die Zentralbanken jetzt eher bereit sind, Haushaltsdefizite zu finanzieren, sodass die Regierungen riesige fiskalische Anreize geben können, um von der Pandemie betroffene Bürger sowie kleine und mittelständische Unternehmen zu unterstützen, um so den Weg für die Erholung zu ebnen. Dementsprechend bevorzugen wir Anlagethemen, die durch die fiskalischen Maßnahmen unterstützt werden.

Die wichtigsten fiskalischen Maßnahmenpakete, die für Erholung von COVID-19 geschnürt wurden, legen den Schwerpunkt auf zwei Schlüsselsektoren: grün und digital. In Kombination mit der Pharmaindustrie sind dies (anders als der Bau bisher) die Industrien, die am meisten von den öffentlichen Ausgaben profitieren und die neue Ära der Infrastrukturen prägen werden.

In Europa gesellt sich zu den fiskalischen Stimuli der einzelnen Länder noch das Langfristprojekt „EU Next Generation“. Das Programm verwandelt die immense Herausforderung, vor der wir stehen, in eine Chance, nicht nur durch die Unterstützung des Aufschwungs, sondern auch durch Investitionen in unsere Zukunft: Der europäische „Green Deal“ und die Digitalisierung werden Arbeitsplätze und Wachstum fördern, die Widerstandsfähigkeit unserer Gesellschaften stärken und unserer Umwelt zugutekommen. Dies ist die Stunde Europas. Unsere Handlungsbereitschaft muss den Herausforderungen, vor denen wir alle stehen, gerecht werden. „Mit EU Next Generation geben wir eine ehrgeizige Antwort” (Ursula von der Leyen, Präsidentin der Europäischen Kommission).

Was sind die Eckpunkte des Europäischen “Green Deal”, des Kernstücks zur Stärkung der wirtschaftlichen Entwicklung:

  • Eine massive Renovierungswelle unserer Gebäude und Infrastruktur sowie eine stärker zirkuläre Wirtschaft, die Arbeitsplätze vor Ort schafft;
  • Projekte im Bereich der erneuerbaren Energien, insbesondere Wind- und Solarenergie sowie ein Impuls für eine saubere Wasserstoffwirtschaft in Europa;
  • Sauberer Transport und Logistik, einschließlich der Installation von einer Million Ladepunkten für Elektrofahrzeuge sowie der Förderung von Bahnreisen und sauberer Mobilität in unseren Städten und Regionen;
  • Stärkung des „Just Transition Fund“ (Fonds für einen gerechten Übergang) zur Unterstützung der Umgestaltung, um Unternehmen bei der Schaffung neuer wirtschaftlicher Möglichkeiten zu helfen.

Der Übergang in das digitale Zeitalter soll dabei gefördert werden durch:

  • Investitionen in mehr und bessere Konnektivität, insbesondere in den schnellen Aufbau von 5G-Netzen;
  • eine stärkere industrielle und technologische Präsenz in strategischen Sektoren, einschließlich künstliche Intelligenz, Cybersicherheit, Supercomputing und Cloud Computing;
  • den Aufbau einer Datenwirtschaft als Motor für Innovation und Arbeitsplatzschaffung;
  • eine erhöhte Cyber-Resilienz (Widerstandskraft).

In den USA würde ein Sieg von Joe Biden bei den nächsten Präsidentschafts­wahlen den Weg für eine neue Ära von Investitionen zur Bewältigung des Klimawandels eröffnen. Auch er hat einen „Green New Deal“ angekündigt, um sicherzustellen, dass die USA eine 100% saubere Energiewirtschaft bzw. bis spätestens 2050 Klimaneutralität erreichen. Biden würde den Kongress ersuchen, im ersten Jahr seiner Präsidentschaft ein entsprechendes Gesetz zu erlassen: Es soll

  • einen Umsetzungsmechanismus festlegen, der spätestens bis zum Ende seiner ersten Amtszeit im Jahr 2025 Meilensteine enthält;
  • eine historische Investition in Forschung und Innovation in den Bereichen saubere Energie und Klima ermöglichen;
  • die rasche Einführung von Innovationen im Bereich der sauberen Energie in der gesamten Wirtschaft ermöglichen, insbesondere in den vom Klimawandel am stärksten betroffenen Gemeinden.

Unsere Anlagestrategie im Überblick

Aktien

Aktien global: Neutral

Die Kombination aus massiven fiskal- und geldpolitischen Maßnahmen stützt unsere Einschätzung der Aktienmärkte – trotz schwacher Makro- und Gewinndaten und anhaltend hoher Unsicherheit. Wir bleiben in Aktien konstruktiv.

Aktien Europa: Übergewichten

Europa bleibt unsere präferierte Region. Die Geld- und Fiskalpolitik (mit der jüngsten Vereinbarung über den Wiederaufbaufonds) ist extrem expansiv. Die Dividendenrenditen sind interessant und liegen deutlich über den Renditen von Staats- und Unternehmensanleihen. Europäische Aktien könnten auch vom Aufholprozess der Value- und zyklischen Sektoren profitieren.

US-Aktien: Neutral

Die hohe Gewichtung des Technologie- und Pharmasektors unterstützt die US-Aktienmärkte. Allerdings könnten das schlechte Management der COVID-19-Krise, die Risiken einer fiskalischen Klippe und die höhere Volatilität aufgrund der Ungewissheit über den bevorstehenden Wahlausgang (da der Anteil der Briefwahl gestiegen ist) die Aufwärtsentwicklung begrenzen.

Schwellenländer-Aktien: Neutral

Die globale makroökonomische Erholung, die USD-Schwäche und die Hoffnung auf nachlassende Handelsspannungen zwischen den USA und China im Falle eines Wahlsiegs der Demokraten in den USA könnten einen Aufholprozess gegenüber den entwickelten Märkten begünstigen. Wir bevorzugen China, das eine frühe Erholung nach der Pandemie zeigt. Angesichts der hohen Gewichtung des Technologiesektors bevorzugen wir auch andere asiatische Länder. Es gilt jedoch, die Länder und Sektoren in dieser Region sorgfältig zu selektieren.

Asien-Pazifik-Aktien (Entwickelte Märkte): Untergewichten

Es wird erwartet, dass Japans BIP-Wachstum im Jahr 2020 aufgrund der vorherigen Mehrwertsteuererhöhung zusätzlich zu den Auswirkungen von Corona tief im negativen Terrain bleiben wird. Die derzeitige Hinwendung zu Aktien und die Anzeichen einer globalen Erholung könnten jedoch langfristige Kaufgelegenheiten bieten.

Renten

Renten global: Leicht übergewichten

Anleihen werden nach wie vor durch die expansiven geldpolitischen Maßnahmen der Zentralbanken unterstützt.

Euro Investment Grade-Unternehmensanleihen: Stark übergewichten

Europäische Investment-Grade-Unternehmensanleihen erscheinen durch die Käufe der EZB (sowohl über das gängige Anleihekaufprogramm APP, Asset Purchase Programme, als auch über das Pandemiekaufprogramm PEPP) sowie die sogenannten Carry Trades (Zinsdifferenzgeschäfte) gut unterstützt. Angesichts der erhöhten Kapitalpuffer der europäischen Banken bevorzugen wir finanziell nachrangige Anleihen.

Hochverzinsliche Unternehmensanleihen: Untergewichten

Steigende Ausfallraten, bedingt durch die Pandemie, sind in den aktuellen Bewertungen noch nicht vollständig diskontiert. Der Mangel an Marktliquidität bleibt ebenfalls ein Problem. Die Anlageklasse wird jedoch durch die Entscheidung der US-Notenbank Fed unterstützt, “gefallene Engel” und hochverzinsliche ETFs zu kaufen.

Europäische Staatsanleihen: Untergewichten

Die Geldpolitik der EZB bleibt hyperexpansiv, aber die Bewertungen von Kern-Staatsanleihen sind derzeit nicht interessant. Es ist auch wichtig, den erheblichen Anstieg der künftigen Staatsverschuldung als Folge der fiskalischen Stimuli zur Bekämpfung der Rezession zu berücksichtigen. Wir bevorzugen Staatsanleihen der Peripherieländer, die von der EZB und der Zustimmung des Recovery Fund unterstützt werden.

Schwellenländer-Anleihen: Untergewichten

Die globale Rezession, die relativ niedrigen Ölpreise sowie der allgemeine Risikoaversion wirkten sich negativ auf Schwellenländeranleihen aus. Anzeichen für eine Erholung in Asien und ein schwächer werdender US-Dollar eröffnen jedoch selektive Kaufgelegenheiten. Wir bevorzugen die defensiveren Hartwährungsanleihen.

Rohstoffe

Öl: Neutral

Die Ölpreise haben sich im Zuge der Anzeichen einer Erholung der weltweiten Nachfrage und der Entscheidung der OPEC+, die Ölförderung zu drosseln, erholt. Die globale Rezession und die Gefahr einer Lockerung der Ölförderkürzungen könnten jedoch die Aufwärtsentwicklung der Ölpreise begrenzen.

Gold: Neutral

Wir erwarten, dass der Goldpreis im Jahr 2020 vor dem Hintergrund niedriger Zinssätze und der monetären Reflationierung der Zentralbanken gut unterstützt bleibt. Darüber hinaus sollte er seine Rolle als „Safe Haven“ immer wieder entfalten können, insbesondere im derzeit unsicheren Umfeld.

Währungen

EUR-USD

Die allmähliche Normalisierung der Wirtschaftslage verdeutlicht die fundamentale Überbewertung des USD gegenüber dem Euro und anderen wichtigen Währungen, die mit der Einführung einer der expansivsten Geldpolitiken der USA noch verstärkt wurde.

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