AusBlick

Die monatliche Konjunktur- und Markteinschätzung

Der „AusBlick“ bietet Ihnen eine ausführliche Analyse der Ereignisse an den Kapitalmärkten und der Weltwirtschaft. Neben einer Beschreibung unserer Anlagestrategie wird zusätzlich ein aktuelles Fokusthema tiefgreifend analysiert.
18. Dezember 2020

Schwerpunkt Megatrends

Die Welt hat sich mit der Corona-Pandemie nachhaltig verändert. Während die globale Wirtschaftsleistung (BIP) dramatisch einbrach, waren die Finanz- und Aktienmärkte unter dem Strich weit weniger stark betroffen. Dank der Flutung mit Liquidität durch die Zentralbanken konnten sich die Märkte rasch stabilisieren und den anfänglichen Kursrückgang (mehr als) aufholen.

Die Pandemie hat aber auch bereits angelaufene Megatrends akzentuiert. Im Folgenden wollen wir sieben Megatrends vorstellen. Zunächst hat die Pandemie auch ein ökonomisches Umfeld befördert, das für außergewöhnlich niedrige Zinsen über einen langen Zeitraum (oftmals auch als „lower for longer“ charakterisiert) sorgen dürfte. Gestützt wird dieses Szenario von der Notwendig­keit insbesondere in den USA und Europa, die Unter­stützungsmaßnahmen länger als ursprünglich erwartet fortzuführen. Das zweite Thema, Geopolitik, beschäftigt sich mit der Frage: Was geschieht in den Schwellenländern (Emerging Markets) im Vergleich zu den entwickelten Märkten (Developed Markets)? Das BIP-Wachstum in den Schwellenländern wird primär von der Demographie, sprich dem Bevölkerungswachstum getrieben. Weil es dort spürbar höher bleibt als in der entwickelten Welt, wird auch die Wachstumsdynamik in den Schwellenländern deutlich über der unsrigen bleiben. Darüber hinaus ist der Aufstieg Chinas das wichtigste geopolitische Phänomen der letzten Jahrzehnte. Wir betrachten die Schwellenländer als eine Region, in dem sowohl auf der Aktien- als auch auf der Rentenseite investiert werden sollte.

Corona führte auch zu einem Schub bei den Themen Digitalisierung, Klimawandel und Gleichberechtigung. Dank der digitalen Transformation konnte ein großer Teil der Menschen zuhause arbeiten. Gleichzeitig verzeichneten der Onlinehandel und die Zustelldienste einen außerordentlichen Aufschwung. Der Klimawandel wurde von Greta Thunbergs „einsamen“ Kampf zu einem strukturellen Thema weltweit – selbst China kündigte sein Klimaziel an und will bis 2060 CO2-Neutralität erreichen. Darüber hinaus gab es auch Fortschritte beim Thema Gleichberechtigung bzw. Gleichstellung der Geschlechter – nicht zuletzt durch Positivbeispiele wie Ursula von der Leyen, der Präsidentin der EU-Kommission, die sich sehr für den gesellschaftlichen Wandel einsetzt. Wir denken, dass die Gleichstellung ein Schlüssel für die Zukunft ist, nicht nur aus gesellschaftlicher Sicht, sondern auch im Hinblick auf die Wirtschaft.

Diese Themen stehen in engem Zusammenhang mit einer neuen Sensibilität für unternehmerischen Sozialverantwortung, der „Environmental Social Governance”-Thematik (ESG), die die wirtschaftliche Entwicklung in einem nachhaltigeren Sinne betrachtet. Hier spielt auch das Thema Gesundheit/gesunder Lebensstil hinein. Es beschränkt sich bei weitem nicht auf Corona-Impfung und Notfallmedizin, sondern beleuchtet es ebenfalls aus einer ganzheitlicheren Sicht. Zentral dabei ist die Frage, was die Menschen länger und besser leben lassen kann – und dies hat sehr viel mit Gesundheitsvorsorge, Ernährung sowie Vereinbarkeit von Berufs- und Privatleben zu tun und stellt auch eine Option für eine ausgewogenere, gerechtere Entwicklung der Welt dar.

Last but not least sehen wir auch strukturelle Veränderungen bei dem, was wir Infrastruktur 2.0 nennen wollen. Das bedeutet ein neues Regelwerk für die gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung auf der Grundlage einer Mischung aus digitaler, grüner und traditioneller Infrastruktur, das in der Lage ist, öffentliche und private Investitionen anzukurbeln, indem es neue Lebens-, Wohn- (smart cities), Mobilitäts- und Arbeitswelten fördert.

1. Niedriges Zinsumfeld („lower for longer”)

Sehr niedrig oder sogar negativ verzinsliche Anleihen sind zu einer großen Herausforderung für Anleger in Rentenpapieren geworden. Der Umfang negativ verzinsliche Anleihen ist weltweit auf 16,5 Billionen US-Dollar gestiegen und macht rund ein Viertel des globalen Anleihenmarktes aus. Im Universum der Staatsanleihen ist der Anteil sogar auf über 35% angestiegen. Niedrigere Zinsen erklären sich durch die niedrige, zeitweise sogar negative Inflationsraten. Die Ursachen für das anhaltend niedrige Inflationsumfeld sind zahlreich:

• Demographie (alternde Gesellschaften)

• Globalisierung bzw. De-Lokalisierung (globaler Preiskampf)

• Revolution in Robotik und Technologie (Produktivitätsfortschritte)

• Druck auf die Rohstoffpreise (De-Materialisierung der Wirtschaft)

• Quantitative Lockerung der Zentralbanken nach der Finanzkrise und dem

• Ausbruch von Corona (Pandemiekaufprogramme)

Die Folge von all dem ist, dass die Notenbanken auch in den kommenden zwei Jahren ihre Inflationsziele unterschreiten werden. Sowohl die Fed als auch die EZB dürften die angepeilten 2% (Kern)Inflation verfehlen (siehe Grafik 10).

2. Geopolitik

Der politische und wirtschaftliche Aufstieg Chinas ist das wichtigste geopolitische Phänomen der letzten Jahrzehnte und hat weitreichende Auswirkungen auf die Finanzmärkte. Die Internationalisierung Chinas fördert den Aufstieg des Yuan/Renminbi (RMB) zu einer Reservewährung. Das erhöht die weltweite Attraktivität von RMB-Anleihen. Die People’s Bank of China verbindet die Rolle des Yuan als wichtige globale Reservewährung mit dem strategischen Ziel, die Dominanz der USA zu brechen und die Fed am massiven Gelddrucken zu hindern. Chinas inländischer („onshore“) Rentenmarkt wächst rasch. Mit einer Markt­kapitalisierung von 16 Billionen US-Dollar ist er mittlerweile vom Volumen her der zweitgrößte Rentenmarkt der Welt. Gemessen am BIP (knapp unter 100%) gehört er indes noch immer zu den kleinsten. Darüber hinaus war er bisher in den globalen Rentenmarktindizes und Anlageportfolios noch unterrepräsentiert, was auf ein hohes Potenzial für sein künftiges Wachstum schließen lässt. Die Aufnahme der chinesischen Staatsanleihen in die wichtigsten Indizes beschleunigt die Integration in den globalen Anleihemarkt (siehe Tabelle 2).

Chinas Staatsanleihen bieten eine geringe Korrelation zu anderen globalen Anleihemärkten und stellen daher eine gute Diversifizierungsquelle für Anleger dar. Gleichzeitig machen die angebotenen hohen risikobereinigten Renditen den Anleihemarkt zu einem interessanten Ertragsbringer in einem längerfristig niedrigeren Inflations- und Zinsumfeld. Insgesamt bieten chinesische Anleihen hohe Renditen, eine vergleichsweise geringe Volatilität sowie den Vorteil einer stabilen Währung.

3. Digitalisierung

Die Welt steht an der Schwelle einer weiteren industriellen Revolution. Nachdem Dampfkraft, Elektrifizierung und der Siegeszug von Computern Wirtschaft und Gesellschaft in der Vergangenheit nachhaltig verändert haben, ist die vierte industrielle Revolution weitaus komplexer und weitreichender. Die Digitalisierung wird heute nicht mehr nur von einer, sondern von einer Vielzahl von Technologien angetrieben, darunter das Internet der Dinge, künstliche Intelligenz (KI), Robotik, 3D-Druck, autonome Fahrzeuge sowie das Internet der Verhaltensweisen. Diese Phase der Digitalisierung verändert die Welt mehr als die Einführung von PC und Internet. Während die Informationstechnologie der 2000er Jahre das globale BIP um 0,6% steigerte, könnte allein die Künstliche Intelligenz, Schätzungen zufolge, das globale Wirtschaftswachstum bis 2030 um 1,3% pro Jahr erhöhen. Demnach beschleunigen die neuen digitalen Technologien die Entwicklung der Wirtschaft dramatisch. So dürften mittlerweile 20 Milliarden internetfähige Geräte im Einsatz sein. Im Jahr 2018 waren es rund 11 Milliarden. „Big Data“ (große Daten) sind ein Rohstoff, der seinen wahren Wert erst dann offenbart, wenn die bisher wertvollen Rohstoffe ausgebeutet sind. Künstliche Intelligenz baut auf dem Fundament von großen Daten auf. Mit den richtigen Algorithmen und genügend Informationen, um sie zu füttern, kann ein System diese Daten analysieren, daraus lernen und auf dieser Basis auch „handeln“.

4. Klimawandel

Menschen auf der ganzen Welt werden sich zunehmend bewusst, wie wichtig es ist, in Prävention zu investieren statt zu warten, bis Schäden zum Handeln zwingen. In einer kürzlich erschienenen Studie (“Climate Change and Sovereign Risk, Oct 2020”) beleuchtet die Asiatische Entwicklungsbank die Risiken des Klimawandels für Politik, Wirtschaft, Staatshaushalte und den internationalen Handel. Die negativen Auswirkungen auf den Wohlstand liegen auf der Hand.

Überall auf der Welt schadet die Wirtschaftstätigkeit der Umwelt – und die Schäden nehmen immer mehr zu. Der Klimawandel ist ein zunehmend wichtiges Thema für politische Entscheidungsträger, mit erheblichen Auswirkungen auf die Volkswirtschaften. Das gilt umso mehr für Regionen, die für Klimarisiken besonders anfällig sind. Regierungen müssen ihre Volkswirtschaften und öffentlichen Finanzen klimasicher machen. Andernfalls sehen sie sich mit einer sich ständig verschärfenden Spirale aus Klimaanfälligkeit und nicht tragbarer Schuldenlast konfrontiert. Der Klimawandel kann durch direkte und indirekte Auswirkungen auf die öffentlichen Finanzen einen wesentlichen Einfluss auf das Länderrisiko nehmen. Alle wirtschaftlichen Aktivitäten, und damit die wirtschaftliche und fiskalische Nachhaltigkeit eines Landes, hängen letztlich von natürlichen Ressourcen ab. Eine anhaltende Erschöpfung natürlicher Ressourcen ist aber alles andere als nachhaltig. Eine nachhaltiger Bewirtschaftung wird auf Dauer Vorteile bringen, für die Wirtschaft und die Finanzmärkte (siehe Grafik 11 und Tabelle 4).

5. Gleichberechtigung/Gleichstellung

Die Pandemie hat das Thema Nachhaltigkeit verändert und erweitert, sowohl auf Unternehmensebene (ESG) als auch auf volkswirtschaftlicher. Große Werte wie Gesundheitsversorgung, die „Gesundheit“ unseres Planeten sowie die Themen Gleichheit bzw. Gleichstellung bekamen Auftrieb. Die finanzielle Gleichstellung wurde nicht zuletzt im Hinblick auf die Gleichstellung der Geschlechter adressiert – ein Thema, das auch für das Wirtschaftswachstum von zentralem Interesse ist. Dem Weltwirtschaftsforum zufolge würde es noch 100 Jahre dauern, bis weltweit eine vollständige Gleichstellung von Männern und Frauen erreicht ist.

Kinder und Jugendliche haben die gleichen Menschenrechte wie Erwachsene sowie spezifische Rechte, die ihre besonderen Bedürfnisse anerkennen. Dabei ist Bildung ein weiteres Schlüsselthema, um Chancengleichheit zu gewährleisten. Bis zum Alter von 10 Jahren sollten alle Kinder lesen können, denn Lesen ist das Tor zum Lernen. Obwohl die Mehrheit der Kinder zur Schule geht, erwirbt ein großer Teil von ihnen keine grundlegenden Fähigkeiten. Zudem sind laut UNESCO rund 260 Millionen Kinder nicht einmal in der Schule. Dies ist der Auslöser für eine Lernkrise, die die Bemühungen der Länder um den Aufbau von Humankapital bedroht. Gleichberechtigung und Gleichstellung ist aber nicht nur eine Genderfrage, sondern auch eine in und zwischen Ländern. Hier hat die finanzielle Ungleichheit in den vergangenen Jahren sogar spürbar zugenommen (siehe Grafik 12), zum Schaden für die (Welt)Wirtschaft

6. Gesundheit/Gesunder Lebensstil

Die globale Pandemie offenbarte zudem auch eine der Achillesfersen der modernen Zeit – ein anfälliges Gesundheitssystem mit einer großen Kluft zwischen entwickelten und sich entwickelnden Volkswirtschaften. Letztere sind mangels Finanzierungsmöglichkeiten oft nicht in der Lage, eine flächendeckende Gesundheitsvorsorge zu gewährleisten.

Auf globaler Ebene hat es bedeutende Fortschritte in Richtung einer universellen Gesundheitsversorgung (Universal Health Co-verage, UHC) gegeben – auch wenn der Global Monitoring Report 2019 zeigt, dass das Ziel einer nachhaltigen Entwicklung für alle bis 2030 kaum erreichbar ist. Es gibt noch viel zu tun.

Zwar dürften die globalen Gesundheitsausgaben 2019 bis 2023 voraussichtlich um 5% p.a. steigen, allerdings steigen auch die Herausforderungen. Dazu gehören eine wachsende und alternde Bevölkerung, zunehmende chronische Krankheiten, Infrastrukturinvestitionen in das Gesundheitssystem, technologischer Fort­schritt, neue Versorgungsmodelle, höhere Arbeitskosten bei gleichzeitigem Arbeitskräftemangel sowie insbesondere der Ausbau der Gesundheitssysteme in den Entwicklungsländern. Die Gesundheitssysteme müssen auf eine Zukunft hinarbeiten, in der sich der Schwerpunkt weg von der Behandlung und hin zu Prävention und Frühintervention verlagert.

7. Infrastruktur 2.0

Die Infrastruktur ist nicht nur eine Grundvoraussetzung, sondern auch ein Treiber wirtschaftlicher Entwicklung. Tatsächlich haben Investitionen in die Infrastruktur einen beträchtlichen Multiplikatoreffekt für das Wirtschaftswachstum. Infrastruktur 2.0 beschreibt die Integration von intelligenter Technologie in die öffentliche Infrastruktur. Die bisherigen Bauverfahren und Baumaterialien z.B. im Verkehrswegebau tragen nicht nur zur Versiegelung, Ausbeutung und Verschmutzung von Natur und Umwelt bei, sondern machen auch den Zugang zu den „darunterliegenden Schichten“ öffentlicher Systeme wie Wasser, Strom und Kanalisation nicht einfach und vor allem teuer. Experten sind der Meinung, dass Straßen intelligente Technologien benötigen, um die Datenerfassung, das Ressourcenmanagement und die Kommunikation mit dem Umfeld zu verbessern. Mit intelligenter Technologie könnten z.B. Straßen potenziell mit Autos und den umliegenden Gebäuden oder Straßenlaternen interagieren. Einige Ansätze gibt es bereits, beispielsweise das Einschalten von Straßenbeleuchtungen auf der Grundlage des aktuellen Fahrverhaltens, um Strom und Ressourcen zu sparen. “Infrastruktur 2.0” könnte enorm positive wirtschaftliche Auswirkung haben (siehe Tabelle 14) und die Staaten auf das nächste Jahrhundert vorbereiten.

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