AusBlick

Die monatliche Konjunktur- und Markteinschätzung

Der „AusBlick“ bietet Ihnen eine ausführliche Analyse der Ereignisse an den Kapitalmärkten und der Weltwirtschaft. Neben einer Beschreibung unserer Anlagestrategie wird zusätzlich ein aktuelles Fokusthema tiefgreifend analysiert.
14. September 2021

Im Fokus

Im letzten Jahr waren chinesische Aktien die Corona-Gewinner schlechthin. Der MSCI China-Index legte um starke 27% zu und lag damit deutlich vor seinem nordamerikanischen Pendant (+18%). Dieses Jahr hingegen läuft der chinesische Aktienmarkt deutlich hinterher. Dabei waren chinesische Aktien noch fulminant ins Jahr gestartet. Bis Mitte Februar stiegen sie nochmals um fast 20%, bevor sie einbrachen und wieder auf das Vor-Corona-Niveau zurückfielen (siehe Grafik 1). Was hat es mit dieser Achterbahnfahrt auf sich? Diese Frage wollen wir im Folgenden erörtern.

China und die chinesischen Aktienmärkte galten lange Zeit als die Gewinner der Corona-Pandemie. Mit schnellen und drastischen Lockdown-Maßnahmen gelang es der Regierung, die Epidemie schnell unter Kontrolle zu bringen. Während in Europa und den USA das öffentliche Leben über weite Teile des letzten Jahr stillstand, sah man in China bereits im Sommer 2020 wieder Bilder von feiernden Sommerurlaubern. Zwar spürte auch die chinesische Wirtschaft Auswirkungen des Konjunktureinbruchs in der westlichen Welt und der globalen Lieferkettenprobleme, aber der Binnenkonsum erholte sich schnell und spürbar.

Der wirtschaftliche Erfolg China lässt sich anhand von Grafik 2 veranschaulichen. Sie zeigt die Entwicklung des realen Bruttoinlandsprodukts (BIP) für China, die USA und dem Euroraum. Zur visuellen Unterstützung haben wir die jeweiligen Vor-Corona-Trendpfade extrapoliert und Prognosewerte (basierend auf Bloomberg-Konsensschätzungen) ergänzt.

China stürzte schon im ersten Quartal 2020 in die Corona-Rezession und damit früher als in Europa und den USA. Aber bereits im zweiten Quartal erholte sich die chinesische Wirtschaft und konnte das Vorkrisenniveau wieder erreichen. Wenig später hatte die chinesische Wirtschaftsleistung auch zu ihrem Vor-Corona-Trendpfad aufgeschlossen. Wie beeindruckend diese Entwicklung ist, zeigt insbesondere der Vergleich mit Europa. Hierzulande wird das Vorkrisen-BIP voraussichtlich erst im laufenden Quartal erreicht. Zu seinem (flacheren) Trendpfad wird sich der Euroraum voraussichtlich erst Mitte 2022 aufschließen können. Chinas Wirtschaft hingegen dürfte insgesamt mit der beachtlichen Vorkrisengeschwindigkeit weiter wachsen.

Allerdings lässt sich diese beeindruckende Erholung nicht auf den chinesischen Aktienmarkt übertragen – weder in Bezug auf die Preis-, noch in Bezug auf die Gewinnentwicklung. Grafik 3 zeigt die erwartete Gewinnentwicklung (basierend auf den rollierenden 12 Monats-Konsensschätzungen) von chinesischen Aktien mit der entsprechenden Entwicklung der großen regionalen Indizes (Nordamerika, Europa, pazifische Industrieländer und Schwellenländer). Dem verhalteneren Einbruch und der schnellen Erholung folgte in China bald schon die Seitwärtsbewegung. Demgegenüber stiegen die Gewinnerwartungen in den übrigen Regionen weiter spürbar an.

Eine detaillierte Analyse der chinesischen Aktienmarktperformance zeigt aber sehr schnell, dass die Kursentwicklung letztlich nur von wenigen Branchen getrieben war. Grafik 4 veranschaulicht die Performance der Hauptsektoren des Index. Auffällig ist, dass es Branchen gibt, die dieses Jahr eine sehr starke Wertentwicklung erfahren haben und solche, die sehr schwach waren. Die Mitte der Performancetabelle ist dünn besiedelt.

Schaut man sich die Sub-Sektoren detaillierter an, akzentuiert sich das Bild. Wir haben das im unteren Teil der Abbildung für die Branchen Informationstechnologie und zyklische Konsumgüter („Consumer Discretionary“) dargestellt. Der Sub-Sektor Halbleiter & Ausrüstung („Semiconductor & Equipment“) gehörte zu den Starperformern. Die Sub-Sektoren Software und Hardware mussten dagegen Federn lassen. Noch stärker ausgeprägt waren die Unterschiede zwischen langlebigen Konsumgüter & Bekleidung („Durables & Apparel“) und Autos einerseits, die stark performten, und dem Einzelhandel bzw. Dienstleistungen für Verbraucher andererseits, die starke Verluste hinnehmen mussten.

Hauptgrund für die erheblichen Performanceunterschiede waren die Regulierungsinitiativen der chinesischen Regierung. Sie konzentrierten sich auf bestimmte Branchen wie Finanzdienstleister, Immobilien und den privaten Bildungssektor. Letzterer gehört zum Bereich Verbraucher-Dienstleistungen, die einen Einbruch von 40% hinnehmen mussten. Das erklärt auch das Minus bei Hard- und Software.

Die Sektorentwicklungen sind somit Folge der politischen Agenda. Wachsende Einkommensunterschiede gepaart mit hohen Kosten für Wohnungen, Gesundheitsvorsorge und Nachhilfeunterricht belasten breite Teile der Bevölkerung. Hinzu kommt, dass der stark wachsende Technologiesektor bis dato wenig reguliert wurde und sich so wettbewerbsschädliche Monopole und Oligopole herausgebildet haben. Ziel der Regulierungsmaßnahmen ist es, die wachsende Ungleichheit zu verringern und die Familien zu entlasten – nicht zuletzt, um die demografischen Probleme zu mildern (niedrige Geburtenrate). Es spielen aber auch andere politische Faktoren eine Rolle. So versucht die chinesische Regierung nicht nur die Bildungs- und Medieninhalte stärker zu kontrollieren, sondern auch mehr Daten von Konsumenten und der Finanzwirtschaft abzugreifen. Zudem soll der Einfluss von ausländischen Investoren auf wichtige Branchen und Unternehmen zurückgedrängt werden. Hinzu kommen wieder steigende Infektionszahlen (Delta) und der jüngste Schwächeanfall der Binnenkonjunktur (siehe unseren Beitrag in der Rubrik Wirtschaft & Märkte).

All diese Entwicklungen bedeuten nicht, dass man sich aus entsprechenden Anlagen zurückziehen muss. Allerdings sollten Anleger selektiv vorgehen und die Entwicklungen genau beobachten. Eine mittelfristig robuste Wirtschaftsentwicklung in China, welche auf einem inklusiven Wachstum basiert und breiteren Bevölkerungsschichten wirtschaftliche Partizipation ermöglichen sollte, dürfte auch für europäische Firmen von Vorteil sein. Der chinesische Absatzmarkt bleibt interessant und europäische Unternehmen, die hier wettbewerbsfähig aufgestellt sind, profitieren davon.

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