AusBlick

Die monatliche Konjunktur- und Markteinschätzung

Der „AusBlick“ bietet Ihnen eine ausführliche Analyse der Ereignisse an den Kapitalmärkten und der Weltwirtschaft. Neben einer Beschreibung unserer Anlagestrategie wird zusätzlich ein aktuelles Fokusthema tiefgreifend analysiert.
04. September 2020

Im Fokus

Die Billionen Euro schweren Corona-Fiskalpakete waren alternativlos. Zusammen mit den gigantischen Liquiditäts- und Kaufprogrammen der Notenbanken verhinderten sie den Zusammenbruch ganzer Volkswirtschaften und sorgen nun (hoffentlich) für einen konjunkturellen Warmstart. Die Kehrseite der Medaille: Ausufernde Haushaltsdefizite und eine rasant steigende Verschuldung. Laut Internationalem Währungsfonds (IWF) schießt der Schuldenquotient, d.h. die Relation von Schuldenstand und Wirtschaftsleistung, weltweit um gut 20 Punkte auf über 100 % nach oben (siehe Grafik 1).

Kein Wunder, dass die Sorgen über die Schuldentragfähigkeit und die langfristigen Folgen für Bürger und Anleger zunehmen. Ins Fadenkreuz der Märkte rücken wegen ihrer hohen Schuldenstände dabei immer wieder Südländer wie Italien und Spanien. Das war bei Corona nicht anders. Die Risikoaufschläge auf ihre Staatspapiere schossen zwischenzeitlich regelrecht in die Höhe.

Die Höhe dieser Kennzahl allein sagt aber herzlich wenig aus. Sie muss im Kontext der Gesamtsituation gesehen werden. So haben z. B. Schwellenländer mit schlechteren Bonitätsnoten typischerweise eher niedrige Verschuldungsquotienten, wohingegen Japan ein Verhältnis von über 230 % aufweist – und dennoch von Ratingagenturen ein sehr gutes Zeugnis bekommt. Und die USA erhalten sogar Spitzenwerte, obwohl ihr Schuldenstand sich sukzessive dem Italiens annähert.

Der Schlüssel zum Verständnis der Schuldentragfähigkeit ist die Finanzierungsfähigkeit der Staaten. Schwellenländer müssen sich üblicherweise in Fremdwährung bei ausländischen Investoren verschulden, während entwickelte Länder Schulden in ihrer eigenen Währung aufnehmen können – maßgeblich finanziert von inländischen Investoren. Die wirklich kritische Größe ist der Finanzierungsaufwand, also der Schuldenstand multipliziert mit den Finanzierungskosten. Wächst der Finanzierungsaufwand zu stark, schränkt das die fiskalpolitische Flexibilität immer mehr ein, weil ein zunehmender Teil der Haushaltsmittel zur Bedienung der Schulden aufgewendet werden muss.

Eine wichtige Kennzahl, die zur Beurteilung der künftigen Entwicklung der Verschuldung eines Landes herangezogen werden kann, ist der sogenannte Primärsaldo – also die Haushaltsbilanz ohne den Zinsendienst. Ein ausgeglichener Primärhaushalt oder sogar ein Überschuss bedeuten, dass die operativen Ausgaben eines Landes seine Einnahmen nicht übersteigen. Und das ist in (Kontinental)Europa schon seit Jahren der Fall (siehe Grafik 2).

Wenn dann noch der Zinsendienst moderat bleibt, ist die Schuldentragfähigkeit eines Landes auch künftig gewährleistet. Wichtig ist aber auch die Mittelverwendung. Wachstumsfördernde Investitionen in die Infrastruktur sowie in Forschungs- und Bildungseinrichtungen sorgen im Gegensatz zu schuldenfinanzierten konsumtiven Ausgaben dafür, dass Staaten aus ihren Schulden „herauswachsen“ können – selbst wenn die Inflation vergleichsweise niedrig bleibt. Solche Investitionen (wie im EU-Wiederaufbaufonds vorgesehen) steigern die Produktivität einer Volkswirtschaft und heben so das Potentialwachstum. Sind die zukünftigen nominalen Wachstumsraten höher als die Finanzierungskosten, reduziert sich der Schuldenquotient in den Folgejahren. Bei den EZB-induzierten extrem niedrigen bzw. negativen Finanzierungskosten ist diese Hürde noch auf Jahre hinaus besonders gering. Hinzu kommt, dass der Zinsendienst zu großen Teilen an die EZB (Kaufprogramme) und damit letztlich zurück in die Staatskassen fließt. Umso mehr sollten Regierungen Phasen mit sehr günstigen Finanzierungskosten nutzen, um wachstumsfördernde Investitionen anzuschieben.

Und von solchen Investitionen profitieren Bürger und Anleger gleichermaßen. Zum einen fördert es den Wohlstand, zum anderen eröffnen sich interessante Anlagemöglichkeiten. Und kanalisieren wir diese Investitionen auch noch in nachhaltige Geschäftsmodelle, profitieren zukünftige Generationen gleich doppelt – von einer lebenswerten Umwelt und einer global konkurrenzfähigen Wirtschaft.

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