AusBlick

Die monatliche Konjunktur- und Markteinschätzung

Der „AusBlick“ bietet Ihnen eine ausführliche Analyse der Ereignisse an den Kapitalmärkten und der Weltwirtschaft. Neben einer Beschreibung unserer Anlagestrategie wird zusätzlich ein aktuelles Fokusthema tiefgreifend analysiert.
14. Juni 2021

Im Dialog

Italien

 

Welche Auswirkungen hat die jüngste Ankündigung der G7-Staaten zur globalen Besteuerung für multinationale Unternehmen?

Am 5. Juni einigten sich die Finanzminister der USA, Kanadas, Japans, Großbritanniens, Deutschlands, Frankreichs und Italiens beim G7-Treffen („Build Back Better World”) auf weltweit koordinierte Regeln für die Unternehmensbesteuerung. Während viele Details noch diskutiert und finalisiert werden müssen, sind die Säulen der Vereinbarung bereits verankert.

Demnach sollen die größten multinationalen Unternehmen, insbesondere diejenigen mit einer Gewinnmarge von mindestens 10%, insgesamt 20% der Gewinne oberhalb dieser Schwelle in den Ländern versteuern, in denen die Unternehmen tatsächlich tätig sind. Diese Länder haben dann die Möglichkeit, ihre eigenen Steuersätze anzuwenden. Die zweite Säule sieht vor, dass auf Länderebene ein Mindestkörperschaftssteuersatz von 15% festgelegt werden muss, um so internationale Wettbewerbsgleichheit in Sachen Unternehmensbesteuerung sicherzustellen.

Damit wird das rein formale Prinzip des Steuerdomizils für Unternehmen abgeschwächt. Dieses traditionelle Prinzip passt immer weniger in das aktuelle wirtschaftliche und finanzwirtschaftliche Umfeld, in dem sich die „Remote”- und digitale Wirtschaft immer mehr durchsetzt. Das derzeitige System hat zu großen Verzerrungen geführt. Einige multinationale Unternehmen zahlen einen weit niedrigeren Steuersatz als viele kleine und mittlere Unternehmen.

Neben den sehr positiven offiziellen Kommentaren der G7-Vertreter (einige sprachen sogar von einer historischen Vereinbarung) gab es auch weniger enthusiastische Kommentare. Einige sind der Meinung, dass der Mindestsatz von 15% keine wirkliche Errungenschaft ist, wenn man bedenkt, dass er den Steuersätzen von Ländern ähnelt, die als Steueroasen gelten. Demgegenüber wäre ein Satz von 21% viel effektiver gewesen wäre (das war auch der ursprüngliche Vorschlag, der dann wohl nicht konsensfähig war). Andere sind besorgt, dass noch ein viel breiterer internationaler Konsens erreicht werden muss, sodass zum Beispiel der nächste Schritt die Genehmigung durch die G20 sein sollte. Darüber hinaus muss die nationale Gesetzgebung geändert werden. In den USA ist die Zustimmung beider Kongresskammern nicht gesichert.

Trotzdem möchten wir einige positive Aspekte hervorheben, die dem gesamten makro- und mikroökonomischen Umfeld zugutekommen. Erstens gehören die USA zu den Hauptsponsoren des Projekts. Das ist ein weiteres starkes Signal für die Rückkehr zu Multilateralismus und internationaler Zusammenarbeit, obwohl viele der „üblichen Verdächtigen“ US-Mega-Tech-Unternehmen sind. Zweitens hat das neue Jahrhundert eine dramatische Zunahme der Vermögenskonzentration in Verbindung mit dem Aufstieg des politischen Extremismus gesehen, und zweifelsohne hat der Steuerwettbewerb auf ungleicher Basis zu diesen Ungleichheiten beigetragen. Ein ausgewogenerer Ansatz zwischen der Schaffung von Wohlstand und seiner Verteilung signalisiert den starken Wunsch, die Saat für einen nachhaltigeren langfristigen Wachstumspfad zu legen. Schließlich war der fiskalische Stimulus zum ersten Mal in der jüngeren Geschichte weltweit „abgestimmt“ und führte zu einer großen und beispiellosen Reaktion, um die Wunden der Pandemie zu heilen. Natürlich ging dies mit einem Anstieg der Haushaltsdefizite und der Staatsverschuldung einher. Das Risiko besteht darin, dass sich die wichtigsten Volkswirtschaften der Welt in den nächsten Jahren gezwungen sehen könnten, ein fiskalisches “Tapering” durchzuführen, d.h. die schrittweise Rückführung fiskalischer Expansionsmaßnahmen – etwas, das wir von der Geldpolitik bereits kennen. Dies könnte global rezessive Auswirkungen haben. Die Tatsache, dass die Regierungen bereits versuchen, koordiniert vorzugehen, um die notwendigen Ressourcen zur Finanzierung langfristiger Ausgaben und Investitionsprojekte zu finden, verringert das Risiko eines solchen Szenarios.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der Weg zu internationaler Steuergerechtigkeit lang und komplex ist und noch viele Schritte zu gehen sind. Aber der erste ist immer der wichtigste und er scheint in die richtige Richtung zu gehen!

Österreich

 

China – der aufstrebende Gigant

Die Performance chinesischer Aktien ist seit Jahresbeginn gegenüber ihren europäischen Pendants und amerikanischen Werten zurückgeblieben. Nicht zuletzt deshalb bekomme ich in Kundengesprächen viele Fragen zu China und den Zukunftsaussichten Asiens. Obwohl in diesem Jahr die etablierten Industrieländer und vor allem die USA China den Rang beim Wirtschaftswachstum ablaufen, ist Chinas Wachstumsabschwächung keine Enttäuschung, sondern lediglich die erwartete Normalisierung nach dem rasanten Aufholtempo im vergangenen Jahr. Den Einbruch zu Beginn letzten Jahres hatte die chinesische Wirtschaft schon im vergangenen Frühjahr wettgemacht. Und der asiatische Kontinent wird unter der Führung Chinas im kommenden Jahrzehnt wirtschaftlich eine viel bedeutendere Rolle spielen als heute, was sich in anhaltend hohen Wachstumsraten ausdrücken dürfte. Unterstützung kommt dabei auch von dem im letzten Jahr abgeschlossenen Handelsabkommen in der Region. Mit dem RCEP, der „Regional Comprehensive Economic Partnership“, hat sich in Asien jüngst die größte Handelsunion der Welt formiert – ohne Beteiligung der USA und der EU. Die Freihandelszone umfasst 15 Mitgliedstaaten inkl. China und damit mehr als 2,2 Milliarden Menschen bzw. 30% der Weltbevölkerung, auf die 30% der Weltwirtschaftsleistung und 28% des Welthandels entfallen. Auf den ersten Blick mag das Abkommen für die Mitgliedstaaten unspektakulär erscheinen. Im Gegensatz zu den meisten anderen Handelsabkommen sind Barrieren zwischen den Partnern schon weitgehend abgebaut gewesen. Außer zwischen Japan und China bzw. zwischen Japan und Südkorea existieren zwischen allen 15 Mitgliedstaaten bereits diverse Handelsabkommen. Auch wenn die Handelshemmnisse bis dato gering waren, stellen die bisher geltenden Einzelverträge eine Herausforderung für Exporteure dar. Für jedes Handelsabkommen galten andere bürokratische Regeln, die eingehalten werden mussten, um den jeweiligen Marktzugang zu erhalten. RCEP schafft hier eine deutliche Erleichterung. Eine noch stärkere wirtschaftliche Verflechtung zwischen den einzelnen Ländern ist daher vorprogrammiert.

Ein weiteres Argument für China und die asiatischen Schwellenländer ist sicherlich die schrittweise Erhöhung der Gewichtungen in den globalen Indizes durch große Indexanbieter wie MSCI und FTSE. Chinas Wirtschaftsmotor macht bereits jetzt etwa ein Fünftel der Weltproduktion aus, während ausländische Investoren aufgrund der jahrelangen restriktiven chinesischen Investitionspolitik aktuell nur einen Bruchteil der Aktien (rund 4 %) der Festland-Märkte besitzen. Demnach kann damit gerechnet werden, dass Anleger vermehrt in diese Anlageklasse investieren und der chinesische Aktienmarkt somit mittelfristig an Bedeutung gewinnt.

Wir bleiben in unserem Marktausblick auch deshalb positiv für die asiatischen Schwellenländer gestimmt und würden uns unter dem Aspekt einer ausreichenden Risikostreuung in erster Linie Investmentfonds präferieren, wenn Investitionen in diese Region getätigt werden. Schwellenländer sind für viele Investoren zu einem wichtigen Bestandteil des Portfolios geworden und werden durch die Erhöhung der Gewichtungen in den globalen Indizes weiter an Bedeutung gewinnen.

Deutschland

 

Bitcoin hat zuletzt für viel Aufsehen gesorgt. Sind Kryptowährungen für Anleger interessant?

Im April erreichte Bitcoin, der prominenteste Vertreter der Kryptowährungen, Werte über 60.000 US-Dollar, ist dann aber wieder unter 35.000 USD gefallen. Der Bitcoinkurs ist extrem volatil. Bei vielen anderen Kryptowährungen ist es ähnlich. Für Anleger sind solche Anlagen demnach hochriskant. Hohes Risiko bedeutet, dass Anleger auch eine hohe Risikoprämie für entsprechende Investments erwarten müssen, wenn sie solche tätigen oder halten wollen. Und spätestens an diesem Punkt wird es kompliziert. Denn anders als etwa Aktien, Anleihen oder auch Gold hat Bitcoin weder einen intrinsischen Wert, noch bietet er Anlegern zukünftige Cashflows wie etwa Dividenden bei Aktien oder Zinsen bei Anleihen. Bei den starken Kursschwankungen wie die in der Vergangenheit müssten Bitcoin & Co aber Risikoprämien bieten, die die von Aktien weit übersteigen. Es erscheint jedoch äußerst zweifelhaft, ob das auf nachhaltiger Basis gewährleistet werden kann. Denn dafür müsste die Nachfrage nach diese Kryptowährungen kontinuierlich wachsen und Kurssteigerungen gewährleisten, die die den Gesamtertrag von Aktien (also Kursteigerungen plus Dividenden) wegen der hohen Risikoprämie weit übertreffen. Die Performance von Aktien übersteigt im Schnitt aber das nominale Wirtschaftswachstum. Es erscheint sehr fragwürdig, wie die Nachfrage nach Kryptowährungen dauerhaft solche Wachstumsraten generieren können. Für langfristig orientierte Anleger erscheint dieses Risikoprofil damit wenig interessant.

Aber auch kurzfristig orientierte Anleger sollten sich der Risiken bewusst sein. Mehr als 40% aller Bitcoins, werde beispielsweise von weniger als 0,01% der bestehenden Bitcoin-Accounts gehalten. Die Aktivitäten von solch großen Accounts – man spricht hier oft auch von Walen – haben also erheblichen Einfluss auf kurzfristige Kursentwicklungen. Hinzu kommt, dass zuletzt die Aufsichtsbehörden weltweit den Markt der Kryptowährungen in den Fokus genommen haben, nicht zuletzt aufgrund von illegalen Aktivitäten wie Geldwäsche u.ä. Und noch etwas: Anleger sollten im Sinne von Nachhaltigkeit auch die Klimaauswirkungen im Auge behalten. Das Generieren neuer Bitcoins, sprich das Schürfen („mining“) allein verbraucht mehr Energie als beispielweise ganz Schweden – Energie, die besser für sinnvolle Investitionen aufgewendet werden sollte. Das gilt auch für den enormen Bedarf an IT-Komponenten wie etwa Grafikkarten, die für die immer aufwändigeren Rechenoperationen beim Schürfen unerlässlich sind.

Diese kritische Betrachtung von Bitcoin bedeutet aber nicht, dass alle Anlagen, die auf der den Kryptowährungen zugrundeliegende Blockchain-Technologie aufbauen, ähnlich argwöhnisch betrachtet werden müssen. Im Gegenteil, die Blockchain-Technologie hat großes Innovationspotential und wird vermutlich in vielen Industrien – auch und gerade in der Finanzindustrie, disruptive Veränderungen verursachen und begleiten – deren Ausmaß den Rahmen einer solchen Kolumne sprengen würde. Um entsprechende Anlageentscheidungen treffen zu können, bedarf es allerdings jeder Menge Detail- und Experten-Knowhow.

Im Dialog