AusBlick

Die monatliche Konjunktur- und Markteinschätzung

Der „AusBlick“ bietet Ihnen eine ausführliche Analyse der Ereignisse an den Kapitalmärkten und der Weltwirtschaft. Neben einer Beschreibung unserer Anlagestrategie wird zusätzlich ein aktuelles Fokusthema tiefgreifend analysiert.
12. April 2021

Im Dialog

Italien

Ist der Anstieg der Staatsverschuldung eine Gefahr für die Finanzmärkte?

 

Wir leben in einer historisch bedeutsamen Phase der Wirtschaftspolitik. Die Mehrheit der Industrieländer hat beeindruckende Konjunkturprogramme aufgelegt, die nur mit denen unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg vergleichbar sind. In den USA zum Beispiel stieg das Haushaltsdefizit im vergangenen Jahr auf über 15 % des Bruttoinlandsprodukts (BIP), während die neue Regierung zusätzlich zu ihrem 1,9 Billionen USD schweren Rettungspaket bereits an einem noch größer dimensionierten Investitionsplan für die Infrastruktur arbeitet. Auch in Europa ist die Fiskalpolitik erstmals seit Jahren wieder auf Expansionskurs. Zudem beginnen wir über gemeinsame Schuldeninstrumente ernsthaft nachzudenken und erste zaghafte Versuche zu starten. Solche außergewöhnlichen Maßnahmen sind in der Tat notwendig, um die wirtschaftlichen Wunden der Pandemie zu heilen. Gleichzeitig sind die potenziell inflationären Auswirkungen dieser Maßnahmen wieder zu einer heiß diskutierten Frage geworden.

Es gibt in diesem Zusammenhang aber noch ein weiteres Thema, das die Gemüter bewegt. Denn das Defizit von heute ist die Verschuldung von morgen. Und die Schuldenquote, d.h. die Verschuldung im Verhältnis zum BIP, ist in den entwickelten Ländern Corona-bedingt erheblich gestiegen. Historisch gesehen ist ein übermäßiges Schuldenniveau mit dem Risiko einer nicht tragfähigen Verschuldung und Finanzmarktturbulenzen verbunden. Daher fragen sich Anleger vermehrt, ob das Heilmittel von heute die Krankheit von morgen sein könnte. Wir denken, dass diese Sorgen überzogen sind. Trotzdem ist eine fundierte Betrachtung geboten, um Fehler der Vergangenheit zu vermeiden.

Erstens trifft es nicht immer zu, dass eine hohe Staatsverschuldung in absoluten Zahlen ein Risiko der Nicht-Nachhaltigkeit impliziert. Japan ist ein Beispiel für eine hoch entwickelte Volkswirtschaft, die sich den Herausforderungen eines niedrigen Wachstumspotenzials inmitten deflationärer Kräfte stellen muss und für die die Schuldentragfähigkeit nie zur Diskussion stand. Dies liegt daran, dass Japan über die volle Macht des Gelddruckens verfügt. Gleichzeitig gingen Geld- und Fiskalpolitik Hand in Hand, um die Kosten des Schuldendienstes unter Kontrolle zu halten. Während für die USA dasselbe gilt, trifft dies auf den Euroraum nur bedingt zu – auch wenn wir erste Schritte in Richtung gemeinsamer Schuldeninstrumente gegangen sind.

Zweitens wird der Anstieg der Schulden auch in den kommenden Jahren von den Zentralbanken alimentiert (Wertpapierkäufe). Dadurch steigt der Anteil der im Inland gehaltenen Staatsschuld. Ausländische Investoren, die in der Vergangenheit insbesondere in Krisenzeiten Staatspapiere verkauften und so für rasch steigende Renditen sorgten, spielen nunmehr eine untergeordnete Rolle. Das hilft, die Kontrolle über internationale Kapitalbewegungen und den Schuldendienst zu behalten.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der einzige relevante Faktor zur Bewertung der Nachhaltigkeit zusätzlicher öffentlicher Schulden die Art und Weise ist, wie wir dieses Geld ausgeben. Geht es primär in Konsumgüter, die in einer globalisierten Welt meist im Ausland produziert werden, begünstigt eine steigende Staatsverschuldung letztlich die ausländische Vermögensbildung (“schlechte” Schulden). Investitionen hingegen, die auf die Stärkung der Infrastruktur, die Digitalisierung, den Umweltschutz und die Verringerung der sozialen und wirtschaftlichen Ungleichheit abzielen, heben das langfristige Wachstumspotenzial. Unserer Meinung nach werden die Früchte dieser Investitionen die Kosten der “guten” Schulden mehr als kompensieren.

Österreich

Was bedeutet das aktuelle Umfeld für die Aktienauswahl?

 

Im ersten Quartal 2021 konnten die Aktienmärkte weltweit ihren Höhenflug fortsetzen und erreichten zur Freude der Anleger neue Allzeithochs. Festverzinsliche Wertpapiere mussten hingegen vielfach Verluste wegstecken. Sie bieten weiterhin nicht die Renditen, um das Vermögen unserer Kunden vor Kaufkraftverlusten zu schützen. Deshalb konzentrieren sich die meisten Kundenanfragen auch auf die Anlageklasse Aktien. Um es gleich vorwegzusagen: Wir schätzen sie insgesamt weiter positiv ein.

Wie aber gehen die Anlageexperten von UniCredit Wealth Management bei der Auswahl von Aktien für ihre Portfolios konkret vor? Wenn man sich die aktuellen Bewertungen an den Aktienmärkten anschaut, sind die großen Indizes in der Tat sehr teuer geworden. Vor allem Wachstumswerte aus dem Technologiesektor galten lange Zeit als Corona-Gewinner und wurden für fast jeden Preis gekauft. In den letzten Monaten haben allerdings die Nachzügler aufgeholt und den Indizes einen zusätzlichen Bewertungsschub gegeben.

Mittlerweile sollte man bei der Aktienauswahl besonders selektiv vorgehen, um das Portfolio nicht zu anfällig für Korrekturen zu machen. Wir konzentrieren uns daher mehr denn je auf „preiswerte“ Qualitätsaktien mit langfristigen Wachstumsperspektiven und investieren nicht in die breite Palette der Indexmitglieder. Gerade in dieser Phase hat die Einzeltitelauswahl den Vorteil, dass noch fair bewertete Aktien ins Portfolio aufgenommen werden können, die sich auch noch im Technologiesektor finden lassen. Gemessen am NASDAQ Composite Index ist der Technologiesektor mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von rund 70 überdurchschnittlich hoch bewertet. Auf Basis der Gewinnerwartungen für die nächsten 12 Monate liegt dieser Wert jedoch nur bei rund 32 und damit nur leicht über seinem langfristigen Durchschnitt. Das bedeutet, dass die Marktteilnehmer in den nächsten 12 Monaten ein starkes Gewinnwachstum bei den US-Tech-Werten erwarten und die Aktien bereits heute in der Hoffnung gekauft haben, dass sie in die Bewertung „hineinwachsen“. In vielen Fällen sind die Bewertungen heute allerdings höher als während der Dotcom-Blase in den frühen 2000er Jahren. Das Umfeld ist heute indes anders. Die Zinsen pendeln (auch weiterhin) weltweit um die Null. Gleichzeitig stützen Regierungen und Zentralbanken die Wirtschaft mit Billionen Dollar.

Daher verlassen wir uns nicht auf die Hoffnung, sondern bevorzugen solide Aktien mit einem ausgewogenen Chancen-Risiko-Verhältnis. Generell raten wir zu erhöhter Vorsicht, wenn es um modische Anlagethemen geht. Wir bevorzugen ein ausgewogenes und diversifiziertes Investment und empfehlen, Qualitätsunternehmen aus möglichst vielen Branchen zu berücksichtigen. Selbst die größte Zuversicht für einige Sektoren schützt nicht vor negativen Entwicklungen. Das noch junge Jahr 2021 ist ein Paradebeispiel für den Erfolg eines diversifizierten Portfolios. Es wäre falsch gewesen, sich nur auf die Sektoren zu konzentrieren, die im vergangenen Jahr gut abgeschnitten haben. Im bisherigen Jahresverlauf kam die beste Performance von den Schlusslichtern des Vorjahres, das heißt von den Energie- und Finanzwerten.

Deutschland

Am 10. März sind neue Regeln für nachhaltiges Investieren in Europa in Kraft getreten. Was bedeutet das für Anleger?

 

Die neuen Regeln bringen Anlegern zunächst vor allem Transparenz darüber, ob Finanzdienstleister nachhaltige Ziele in ihre Anlagestrategien einfließen lassen und wie diese Ziele gesteuert bzw. erreicht werden sollen. Dabei teilt man Anlagelösungen, also z.B. Vermögensverwaltungen oder Fonds in drei Kategorien ein. In der ersten Kategorie finden sich alle Lösungen wieder, die keine dezidierte Nachhaltigkeitsstrategie verfolgen. Dem zugehörigen Abschnitt in der Regulierung entsprechend werden solche Anlageprodukte auch als Artikel 6-Produkte bezeichnet. Die zweite Kategorie umfasst solche Lösungen, in denen die Portfoliomanager nachhaltige Kriterien bei der Steuerung des verwalteten Vermögens berücksichtigen. Diese firmieren auch als Artikel 8-Produkte. Davon unterscheiden sich die sogenannten Artikel 9-Produkte, bei denen die zugrundeliegenden Investments jeweils ein dezidiertes Umweltziel verfolgen und dieses auch benannt werden muss. Solche Strategien werden auch als „Impact Investing“ bezeichnet.

Neben diesen Offenlegungspflichten müssen Asset Manager und Vermögensverwalter nun aber auch sogenannte Nachhaltigkeitsrisiken in ihre Anlageentscheidungen einbeziehen – und das unabhängig davon, ob die jeweilige Strategie nachhaltige Ziele verfolgt oder nicht. Was bedeutet das? Der Begriff Nachhaltigkeitsrisiko ist erklärungsbedürftig. Das Thema Nachhaltigkeit wirkt in zwei Richtungen. Erstens geht es darum, die negativen Auswirkungen, die die Gesellschaft aber auch Unternehmen auf die Umwelt ausüben, zu minimieren und somit nachhaltig zu wirtschaften. Es gibt dann auch eine Definition, was unter einer nachhaltigen Entwicklung zu verstehen ist. Laut der Brundtland-Kommission der UN (benannt nach der ehemaligen norwegische Ministerpräsidentin Gro Harlem Brundtland) ist „Eine nachhaltige Entwicklung [ist] eine Entwicklung, die die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne zu riskieren, dass künftige Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht befriedigen können.“

Bei den angesprochenen Nachhaltigkeitsrisiken geht es allerdings nicht um die von der UN angesprochenen Risiken, sondern – zweitens – um die entgegengesetzte Wirkungskette. Umweltveränderungen beziehungsweise neue Gesetze und Regulierungen, die Umweltschäden minimieren sollen, können sich auch negativ auf die wirtschaftlichen Aussichten einzelner Unternehmen auswirken. Diese wirtschaftlichen Risiken werden als Nachhaltigkeitsrisiken bezeichnet und müssen jetzt ebenfalls im Investmentmanagement berücksichtigt werden.

Mit diesen Änderungen ist aber die Reise zu einem nachhaltigeren Anlagemanagement noch nicht abgeschlossen. Die nächsten Schritte werden bessere und klarere Berichte über die Nachhaltigkeitswirkung von Anlageportfolien erforderlich machen, z.B. mit einer Darstellung des CO2-Fußabdrucks der investierten Unternehmen bzw. der negativen Umweltauswirkungen, die diese Firmen haben. Anleger werden also noch genauer über die Nachhaltigkeit ihrer Anlagen informiert werden und können dann entsprechende Entscheidungen treffen.

Im Dialog