EinBlick 28.02.2020

Die Analyse aktueller Themen

Im „EinBlick“ werden aktuelle kapitalmarktrelevante Ereignisse analysiert und übersichtlich dargestellt.
28. Februar 2020

Die Erkenntnis, dass das Corona-Virus ein Thema ist, das nicht nur die asiatischen Volkswirtschaften betrifft, sondern sich zu einer globalen Krise entwickeln könnte, löste an den Börsen Ende Februar eine kräftige Korrektur an den Aktienmärkten aus. Die bisherigen Jahresgewinne wurden damit komplett wieder abgegeben und sämtliche Anlageregionen rutschten seit Jahresbeginn deutlich ins Minus. Profitiert haben hingegen „sichere Häfen“ wie Staatsanleihen und Gold. So sanken die Renditen für deutsche Bundesanleihen erneut leicht ab, erreichten bislang aber nicht die Tiefststände von 2019. Deutlich stärker fiel der Zinsrückgang bei US-Staatsanleihen aus. Die Renditen für 10- und 30-jährige US-Staatsanleihen rutschten auf historisch niedrige Niveaus, was entsprechende Kursgewinne zur Folge hatte. Auch Gold profitierte sowohl von der Verunsicherung der Anleger als auch vom sinkenden Realzins und stieg auf den höchsten Stand seit 2012.

Rezessionsängste treffen auf labiles Börsenumfeld

Lange schienen die europäischen Börsen vergleichsweise glimpflich davonzukommen. Mit dem deutlichen Anstieg der Infiziertenzahl in Südkorea und insbesondere in Italien hat die Angst vor der Coronavirus-Epidemie nun aber auch die Aktienmärkte in Europa und USA erfasst. Immer mehr Unternehmen warnen davor, dass sie die vierteljährlichen Umsatzziele aufgrund des Coronavirus und der daraus resultierenden Produktionsverzögerungen nicht erreichen werden, was zeigt, dass der Ausbruch des Virus zumindest vorübergehend einen messbaren Tribut beim globalen Wachstum fordern wird. Bislang hatten sich Warnungen zumeist auf Sektoren wie Automobile, Touristik, Luxusgüter und (für die USA besonders wichtig) Informationstechnologie konzentriert. So handelten die wichtigsten Aktienindizes noch zu Monatsbeginn im Großen und Ganzen auf Allzeithochs und es mangelte an Vorsicht inmitten einer Zunahme der Gewinn- und Umsatzwarnungen. Die Unternehmensgewinne sowohl für den DAX als auch den europäischen Benchmarkindex STOXX Europe 600 sind seit einem Jahr weitgehend unverändert, was bedeutet, dass es auf dem breiteren Aktienmarkt überhaupt kein Gewinnwachstum gab. Hinzu kamen strukturelle Ungleichgewichte. Während seit Beginn von 4Q18 in den USA der S&P 500 deutlich hinzugewonnen hat, mussten Unternehmen der zweiten und dritten Reihe (Small- und Midcaps) Kursverluste hinnehmen. Dies macht deutlich, dass sich der US-Aktienmarkt möglicherweise von seiner breiten Basis abgekoppelt hat. Ein noch deutlicheres Bild dieser Abhängigkeit zeichnet sich dadurch aus, dass die fünf größten Unternehmen des S&P 500 in der Zwischenzeit fast 20 % des Marktwertes des gesamten Index ausmachen.

Psychologischer Schock, V-förmige Erholung wahrscheinlich

Der Ausbruch der Corona-Epidemie bremste den Risikoappetit der Anleger erst einmal spürbar ein. Am stärksten betroffen sind naturgemäß China und seine Nachbarn. Aber auch weltwirtschaftlich dürfte das Virus Bremsspuren hinterlassen – zumal der globale Fußabdruck der Schwellenländer Asiens heute größer ist als z. B. zu Zeiten von SARS im Jahr 2003. Insgesamt gehen wir bislang davon aus, dass die Wachstumsverluste überschaubar bleiben und rasch wieder aufgeholt werden (V-förmige Entwicklung). Jenseits temporärer Ausschläge sehen wir noch keine nachhaltige Schwächung der Weltwirtschaft – solange die Ausbreitung des Virus früheren Verlaufsmustern folgt und noch im März seinen Höhepunkt erreicht. Die Risiken und Unsicherheiten sind allerdings extrem hoch. Eine Entwarnung wollen wir deshalb noch nicht geben. Schließlich dürften sich die Bremswirkungen von Corona erst sukzessive in den Stimmungs- und harten Konjunkturzahlen niederschlagen und den Anstieg der vergangenen Monate – er war es, der die Hoffnung auf eine rasche Stabilisierung und anschließende Festigung der Weltwirtschaft nährte – wieder zunichtemachen. Weitere Rückschlagsgefahren bleiben also. Insbesondere aber erwarten wir für die kommenden Wochen und Monate eine höhere Volatilität an den Börsen weltweit.

Auswirkungen auf unsere Allokation: Noch zu früh für Entwarnung

Das Marktumfeld rechtfertigt damit weiterhin keine aggressivere Aktienpositionierung, zumindest nicht strategisch. Wir bleiben zunächst neutral positioniert, mit einer defensiv ausgerichteten Sektorallokation. Daran wollen wir vorerst wenig ändern. Taktisch können wir uns im Falle einer Marktberuhigung und mehr Visibilität indes Zukäufe vorstellen. Das extrem niedrige Zinsniveau bleibt mittelfristig ein wichtiger Unterstützungsfaktor für Aktien. Regional präferieren wir bereits Europa gegenüber den USA und werden das auch weiterhin tun. Perspektivisch können wir uns auch stärkere Engagements in Schwellenländer vorstellen – wenn Corona verdaut ist und sich die erwartete Dollarschwäche materialisiert. Für die Rentenmärkte dürfte von der Geldpolitik weiterhin Unterstützung kommen. Wirkliche Impulse, will heißen nochmals kräftige Kursgewinne bzw. ein ausgeprägter Renditerutsch sind allerdings wenig wahrscheinlich. Weitere Rücksetzer an den Aktienmärkten (steigende Risikoaversion) könnten Festverzinslichen allerdings noch einmal unter die Arme greifen und die Renditen vorübergehend entsprechend nach unten drücken.

Gold sehen wir jenseits kurzfristiger Korrekturen gut behauptet und als wichtigen Diversifizierer im Portfolio. Das Edelmetall profitiert dabei von anhaltendem Notenbankinteresse (Diversifizierung von Währungsreserven), von extrem niedrigen bzw. negativen Realzinsen (Opportunitätskosten der Goldhaltung) sowie einem mittelfristig wohl wieder schwächeren Dollar.

EinBlick 28.02.2020