EinBlick 16.01.2019

Die Analyse aktueller Themen

Im „EinBlick“ werden aktuelle kapitalmarktrelevante Ereignisse analysiert und übersichtlich dargestellt.
16. Januar 2019

Oliver-Postler

Oliver Postler
Chief Investment Officer

Es ist einfach nur eine Tragödie. Dass Großbritannien sehr wahrscheinlich die EU verlässt, ist schon bitter für alle Beteiligten, auch für die EU und uns. Doch der Ablauf jetzt zeigt, wie tief gespalten das gesamt Land und die politische Landschaft ist. Theresa May hat es geschafft, mit ihrem Deal sowohl die Brexit-Befürworter als auch die Gegner gegen sich zu vereinen. Den einen geht der Deal viel zu weit und den anderen gar nicht weit genug. Da werden Mehrheiten schwierig. May will den Deal auf jeden Fall um jeden Preis. Mit dem Abstimmungsergebnis ist ihre Position stark geschwächt. Das Drama geht in die Verlängerung. Der Ausgang ist völlig offen. Wir erwarten jedoch letztlich doch noch eine Zustimmung zu einem geordneten Austritt, vielleicht auch noch mit Zugeständnissen seitens der EU. Das Risiko eines ungeordneten Austritts mit potentiell wirtschaftlich schwerwiegenden Folgen ist jedoch gestiegen.

 

Mög‘ es glücklich enden / Und bittres Leid in süße Lust sich wenden

(Shakespeare: Ende gut, alles gut)

 

Es war zu befürchten. Das britische Unterhaus hat den Brexit-Vertrag erst einmal abgeschmettert. Theresa Mays Niederlage fiel krachend aus. 432 Abgeordnete verweigerten ihre Zustimmung; nur 202 waren dafür. Allein aus den eigenen Reihen fehlten 118 Stimmen – mehr als ein Drittel. Eine so heftige Niederlage einer britischen Regierung gab es seit fast 100 Jahren nicht mehr. Mays Handlungsspielraum engt das mächtig ein. Sie steht mit dem Rücken zur Wand. Das Risiko für einen ungeregelten Austritt, den nur eine kleine Minderheit wirklich befürwortet, ist damit weiter gestiegen.

Wie es jetzt konkret weitergeht, ist bis auf das für heute von Labour-Chef Jeremy Corbyn angekündigte parlamentarische Misstrauensvotum pure Spekulation. Das aber dürfte Theresa May überstehen. Diesen Triumph werden die Regierungsparteien der Opposition nicht überlassen. Die Furcht vor einem Machtverlust wiegt zu hoch.

Ansonsten aber scheinen die Fronten völlig verhärtet. Ein Riss geht durch das Parlament – ebenso wie durch die Regierung und das britische Volk. Es dürfte heftig über Mays Rücktritt (sie hat ihn kategorisch ausgeschlossen), Neuwahlen, eine Terminverschiebung (aber: Ende Mai sind Wahlen zum Europaparlament), ein zweites Referendum, Nachverhandlungen, Alternativen wie eine Zollunion bzw. das Norwegen-Modell (Verbleib im Europäischen Wirtschaftsraum) oder auch einen Rücktritt vom Brexit („no Brexit“) gestritten werden. Wirkliche Optionen zum Brexit-Vertrag aber sind die allerwenigsten. Nachverhandlungen, eine Terminverschiebung oder ein an Zulauf gewinnendes zweites Referendum scheinen noch am aussichtsreichsten, wenn ein ungeregelter Austritt vermieden werden soll.

Fest steht bislang jedenfalls nur, dass Theresa May laut Parlamentsbeschluss bis spätestens kommenden Montag (21.1.) einen Plan B vorlegen und das Unterhaus darüber oder über eine von ihm abgeänderte Version (etwa zweites Referendum, Zollunion, Norwegen) abstimmen muss (möglicherweise auch erst ein paar Tage später).

Theresa Mays wahrscheinlichster Plan B-Vorschlag dürften Nachverhandlungen beim Brexit-Vertrag sein. Sie wird wohl nun alles daransetzen, der EU weitere Zugeständnisse abzuringen. Nachbesserungen bei der politischen Willenserklärung über die künftige Zusammenarbeit sind möglich. Substantiellen Nachbesserungen beim eigentlichen Austrittsvertrag dagegen hat die EU eine Abfuhr erteilt – zumindest bisher. Europäische Politik war aber immer schon kompromissgetrieben. Und so wird bereits spekuliert, ob die EU nun doch über ein Enddatum der umstrittenen Notfalllösung („backstop“) für die Grenze zur britischen Provinz Nordirland nachdenken könnte. Stand heute müsste ganz Großbritannien in der europäischen Zollunion, Nordirland sogar im europäischen Binnenmarkt bleiben, bis eine einvernehmliche Grenz- bzw. Zollregelung gefunden ist, die das Wiederaufflammen des Nordirland-Konflikts minimiert. Gerade dieser Punkt stößt in Großbritannien auf massiven Widerstand.

Mit Nachverhandlungen spielt Theresa May auch auf Zeit. Wenn sich das Zeitfenster zunehmend schließt und sich die in London angedachten Optionen zum Brexit-Vertrag als unrealistisch herausstellen, es faktisch nur also nur noch um „Deal oder ungeregeltem Austritt“ geht, sollte ein leicht modifiziertes Vertragswerk das Parlament in einer zweiten oder dritten Lesung doch noch passieren – so zumindest unser Basisszenario. Es ist jedoch ein sehr enges Rennen mit nahezu nicht prognostizierbarem Ausgang („very close call“), aber potentiell weitreichenden Folgen.

Unser UK-Chefvolkswirt schätzt die Wahrscheinlichkeit für eine erneute Abstimmung über einen modifizierten oder auch unveränderten Vertrag auf 50 % (siehe Schaubild). Zementiert sich die Pattsituation allerdings, wäre auch eine Terminverschiebung und/oder ein zweites Referendum ein möglicher Ausweg (30 %).

WIE ES WEITERGEHEN KÖNNTE

Kommt das von uns präferierte Szenario zum Tragen, wäre ein geregelter Austritt zum 29. März 2019 besiegelt. Bis mindestens Ende 2020 (Übergangsfrist), wahrscheinlich sogar Ende 2022, würde sich allerdings wenig ändern. Großbritannien bliebe sowohl im Binnenmarkt als auch der Zollunion, müsste das EU-Regelwerk anerkennen und Beiträge zahlen, hätte aber kein Stimmrecht mehr.

Eine (voraussichtliche) Zustimmung in letzter Minute dürfte für Erleichterung bei den (britischen) Unternehmen und an den Finanzmärkten bzw. beim Pfund sorgen. Käme es dagegen doch zu einem ungeregelten Austritt (ohne Vertrag und Übergangsfrist), würde Großbritannien laut Bank of England in einer Rezession versinken (siehe Grafik), die selbst die von 2008 (Finanzmarktkrise) in den Schatten stellt. Aber auch die EU käme nicht ungeschoren davon. Der Internationale Währungsfonds (IWF) beziffert die Langfristbelastungen auf immerhin 1,5 % des BIP – mit Irland, den Niederlanden und Belgien als Hauptleidtragende.

EU-AUSTRITT KOSTET GROSSBRITANNIEN WACHSTUM

Bei ungeregeltem Austritt droht scharfe Rezession

Auswirkungen der gestrigen Abstimmung für unsere Anlagestrategie ergeben sich – weil im Ergebnis erwartet – nicht wirklich. Wir sind in risikobehafteten Anlagen, sprich Aktien, derzeit ohnehin bereits untergewichtet und sind angesichts der enormen Brexit-Unsicherheiten auch kein nennenswertes britisches Positionierungsrisiko eingegangen. Temporäre Erleichterungsrallies bei Pfund oder Aktien würden unsere Anlagestrategie nicht wesentlich beeinflussen. Ein kurzfristiges, spekulatives Ausreizen von maximaler Performance entspricht nicht unserer Philosophie. Unser Fokus liegt auf der (Langfrist)Entwicklung Großbritanniens und der dort angesiedelten Unternehmen im Rahmen der Weltwirtschaft auch nach einem Brexit.

EinBlick 16.01.2019