EinBlick 15.03.2019

Die Analyse aktueller Themen

Im „EinBlick“ werden aktuelle kapitalmarktrelevante Ereignisse analysiert und übersichtlich dargestellt.
15. März 2019

Der Brexit geht in die Verlängerung – nachdem das Unterhaus diese Woche sowohl dem um EU-Zugeständnisse ergänzten Vertragswerk als auch einem „no deal“-Brexit eine klare Absage erteilt hat. Damit ist der 29. März nicht mehr zu halten. Theresa May muss um eine Fristverlängerung nachsuchen. Die EU wird sich auf ihrem Gipfel Ende nächster Woche einer rein technischen Verschiebung bis Ende Juni, d.h. bis unmittelbar vor der konstituierenden Sitzung des neuen Europaparlaments, nicht verschließen. Theresa May hat den technischen Aufschub allerdings an die Verabschiedung des Brexit-Vertragswerks nächste Woche gekoppelt. Andernfalls droht sie den Hardlinern mit einem längeren Aufschub.

Der allerdings erscheint problematisch. Er stößt nicht nur auf einen wachsenden politischen Unmut auf dem Kontinent, sondern würde auch eine Teilnahme des Vereinigten Königreichs an den Europawahlen Ende Mai erfordern. Das dürfte technisch und administrativ äußerst schwierig werden. Vor allem aber muss die britische Regierung darlegen, was sie mit dem Aufschub erreichen will. Einfach planlos weiterzuverhandeln, wird die EU nicht mitmachen. Und auf weitere Zugeständnisse kann May nicht mehr hoffen.

Diese Woche hat erneut gezeigt, dass es parlamentarische Mehrheiten in London nur dafür gibt, was man nicht will, nicht dafür, wie man das selbstverschuldete Brexit-Schlamassel geordnet zu Ende bringen will. Ein tiefer Riss geht durch Regierung und Parlament. Persönliche oder parteitaktische Überlegungen verhindern einen Kompromiss und werden über die Interessen des Landes und seiner Bürger gestellt.

Wie es nun konkret weitergeht ist höchst ungewiss. Ob Mays Drohkulisse eines ungeregelten Brexits bzw. eines langen Aufschubs für eine Parlamentsmehrheit „ihres Deals“ sorgt, ist nicht gesichert. Die Lage scheint verfahren. Ein möglicher Weg aus der Sackgasse wären Neuwahlen. May könnte damit vermutlich ihre „Machtbasis“ stärken. Andernfalls dürfte das Unterhaus das Heft des Handels an sich ziehen und sich auf einen „sanfteren“ Brexit (z.B. permanente Zollunion) oder letztlich doch ein zweites Referendum (gestern noch abgelehnt) verständigen. Beides aber sind rote Linien für die Premierministerin.

Die Brexit-Unsicherheiten werden uns also noch länger begleiten und die Finanzmärkte, vor allem aber die britische Wirtschaft belasten. Nennenswerte Auswirkungen auf unsere Anlagestrategie hat der dieswöchige Abstimmungsmarathon in London – weil im Ergebnis weitgehend erwartet – allerdings nicht. Ein letztlich geregelter EU-Austritt mit einer langen Übergangsfrist bleibt unser Basisszenario.

Die Woche der Verantwortungslosigkeit

Keimte zu Beginn der Woche noch die Hoffnung auf, der um die EU-­Zugeständnisse ergänzte Brexit-Vertrag könnte das britische Unterhaus passieren und den Weg zu einem fristgerechten und geordneten Brexit freimachen, war sie schon Dienstag Nachmittag wieder geplatzt. Die Abgeordneten stimmten wenig später dann auch klar gegen den „May deal“ (391:242 Stimmen), wenn auch diesmal nicht ganz so krachend wie beim ersten Mal Mitte Januar (432 Gegenstimmen).

Knackpunkt war wieder einmal der sogenannte „Backstop“. Die Vereinbarung im Brexit-Vertrag sieht vor, dass Nordirland solange im Binnenmarkt und Großbritannien in der Zollunion bleiben müssen, bis sich EU und das Vereinigte Königreich auf eine einvernehmliche Lösung, sprich auf ein Freihandelsabkommen geeinigt haben. Damit sollen (harte) Grenzkontrollen zwischen Irland und Nordirland vermieden, die Gefahr eines Aufflackerns des Bürgerkriegs minimiert und der fragile Frieden auf der irischen Insel gewahrt werden. Viele Unterhaus-Abgeordnete sehen in der „Backstop“-Regelung allerdings nicht nur ein Auseinanderdividieren von Nordirland und Großbritannien, sondern vor allem das Risiko, dass die EU das Vereinigte Königreich dauerhaft an die EU-Richtlinien „ketten könnte“. Daran änderten auch die Ergänzungen nichts, zumal Generalstaatsanwalt Geoffrey Cox in seinem Rechtsgutachten zum Ergebnis kam, dass die Gefahr, dass Großbritannien im Backstop gefangen bleiben könne, unverändert bestehe – auch wenn sie mit den Zugeständnissen abgenommen hätte.

Der Abstimmungsmarathon diese Woche zeigte dann erneut, dass es (parlamentarische) Mehrheiten nur dafür gibt, was man nicht will, nicht aber dafür, wie man das selbstverschuldete Brexit-Schlamassel geordnet zu Ende bringen will. Nur einen Tag später stimmte nämlich das Unterhaus klar gegen einen „no deal“-Brexit, also gegen einen vertragslosen Austritt – und zwar nicht nur zum 29. März, sondern auch zum Ende jeder Verlängerungsfrist. Rechtlich bindend ist das Votum freilich nicht, ein Umstand, auf den nicht nur die (fanatischen) Austrittsbefürworter sofort verwiesen.

Der Ausgang der Donnerstagsabstimmung war damit vorprogrammiert. Ein fristgerechter, geordneter Austritt zum Monatsende ist nicht mehr möglich: Theresa May muss bei der EU um einen zeitliche Aufschub des Artikel 50-Prozesses nachsuchen – und zwar rechtzeitig vor dem EU-Gipfel Ende nächster Woche (21.-23. März), auf dem dann alle anderen 27 Mitgliedsstaaten zustimmen müssen. Sie hat gestern allerdings den Antrag auf einen kurzen, technischen Aufschub an die Verabschiedung „ihres“ Brexit-Vertragswerks nächste Woche gekoppelt. Bis Mittwoch soll das Unterhaus erneut darüber abstimmen. Bei Ablehnung droht sie den Hardlinern mit einem längeren Aufschub.

EU dürfte einer kurzen, technischen Fristverlängerung zustimmen, längerer Aufschub dagegen problematisch

Einem kurzen, rein technischen Aufschub bis Ende Juni, also rechtzeitig vor der konstituierenden Sitzung des neuen Europaparlaments, dürften sich die EU-Staats- und Regierungschefs nicht verschließen.

Ein längerer Aufschub wäre allerdings problematisch. Dem steht zum einen die Europawahl Ende Mai entgegen. Denn an der müsste das Vereinigte Königreich dann teilnehmen, wenn das Land auch nach der konstituierenden Sitzung noch in der EU bleiben will. Andernfalls gäbe es unabsehbare rechtliche Probleme. Logistisch und administrativ wäre die kurzfristige Ansetzung der Europawahl im Vereinigten Königreich allerdings ein Kraftakt – ganz zu schweigen vom Widerstand der Austrittsbefürworter. Problematisch ist ein längerer Aufschub zum anderen aber auch vor dem Hintergrund des zunehmenden Unmuts der verbleibenden Mitgliedstaaten. Frankreichs Präsident hat sich schon dagegen ausgesprochen. Die Geduld der Europäer scheint am Ende. London kann nicht auch noch die Europapolitik in Geiselhaft nehmen. Zudem muss die britische Regierung darlegen, was sie mit einem längeren Aufschub erreichen will. Einfach planlos weiterzuverhandeln, wird die EU nicht mitmachen. Das unterstreichen die Reaktionen dieser Woche aus Brüssel. Und auf weitere Zugeständnisse kann May ohnehin nicht mehr hoffen. Das hat Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker unmissverständlich klargemacht.

Es ist nun an den Briten endlich zu sagen, was sie wollen und zu erkennen, was mit den Europäern zu machen ist und was nicht. Die Positionen im Vereinigten Königreich sind allerdings völlig verhärtet. Ein tiefer Riss geht durch Regierung und Parlament gleichermaßen. Persönliche oder parteipolitische Überlegungen stehen weit über die Interessen des Landes und seiner Bürger. Sie spielen mit der Zukunft ihres Landes. Eine baldige Konsensfindung, ein rascher Befreiungsschlag ist wohl nicht zu erwarten.

Theresa Mays Drohung mit einem längeren Aufschub ist wohl eher Teil ihrer Strategie. Unbeeindruckt von wiederkehrenden, teils krachenden Niederlagen im Unterhaus setzt sie ihr Pokerspiel fort. Sie will die Zeit herunterlaufen lassen, bis die Abgeordneten nur noch die Option für ihren „deal“ oder einem ungeordneten Brexit haben – in der Hoffnung, dass sie sich für ersteres entscheiden. Solch ein „chicken game“ aber ist schon einmal gründlich schiefgegangen, wenn auch nur im US-Kultfilm „Denn sie wissen nicht, was sie tun“.

Theresa May jedenfalls wird ihren „deal“ Mitte nächster Wochen nun schon zum dritten (und wahrscheinlich nicht zum letzten) Mal abstimmen lassen. Auf der Gegenseite trachtet der Oppositionsführer der Labour-Partei, Jeremy Corbyn, nur auf einen Machtwechsel in Downing Street und lässt sich dabei die europapolitischen Optionen relativ offen. Er war nie ein glühender EU-Befürworter, möchte daher kaum mehr als eine Zollunion und ließ gestern auch gegen ein zweites Referendum stimmen.

Neuwahlen als möglicher Ausweg

Wie aber soll Bewegung in die verfahrene Situation kommen? Wenn Regierung um Parlament unfähig oder unwillig sind, dem Wählerauftrag Folge zu leisten, wäre es zielführend, den Auftrag an das Volk zurückzugeben. Neuwahlen sind demnach ein überlegenswerter Ansatz, wenn Mays „deal“ erneut scheitern sollte – zumal ihre Konservative Partei laut Umfragen spürbar zulegen und sie so ihre Parlamentsmehrheit zurückgewinnen könnte.

Problematisch dabei ist, dass Theresa May trotz guter Meinungsumfragen mit vorgezogenen Neuwahlen im Juni 2017 schon einmal Schiffbruch erlitten hat und seither auf die Duldung durch die nordirischen Unionisten (DUP) angewiesen ist. Fraglich auch, ob dadurch die innerparteilichen Gräben zwischen den Brexit-Lagern zugeschüttet werden bzw. sie dann über genug Gefolgsleute im Parlament verfügt, die ihren Kurs parlamentarisch absegnen. Zudem drängt die Zeit. Neuwahlen dürften eine Vorbereitungszeit von ca. acht Wochen erfordern. Trotzdem: Vorgezogene Neuwahlen wären für uns noch die erfolgversprechendste Option, die Brexit-Blockade im Parlament endlich zu überwinden.

Die Unsicherheit bleibt hoch, Abwärtsrisiken aber überschaubar …

Und so dürfte uns die Unsicherheit über den Fortgang des Brexit-Prozesses uns noch ein paar Monate länger begleiten und – je nach Nachrichtenlage – immer wieder für Nervosität und entsprechenden Schwankungen an den Finanzmärkten, speziell bei englischen Aktien und dem britischen Pfund ­sorgen. Nur gut, dass nach den Chaos-Monaten die nun noch länger nicht gebannten Brexit-Risiken längst eingepreist sind. Das weitere Abwärtspotenzial an den Finanzmärkten bleibt damit überschaubar. Gleiches gilt für die Wirtschaft, nachdem das Brexit-Chaos dort schon weithin sichtbare Bremsspuren hinterlassen hat (Stimmungseintrübung, Verlagerungen von Wirtschaftsaktivitäten, Wachstumsrevisionen).

… mittelfristig Hoffnung auf Zwischenerholung, mehr aber nicht

Erst wenn das Extremrisiko eines ungeregelten Austritts vom Tisch ist – ein geregelter EU-Austritt mit einer langen Übergangsfrist bleibt unser Basisszenario –, dürften sich Wirtschaft und Finanzmärkte erleichtert zeigen, Aktien und das Pfund also zulegen. Das würde dann (hoffentlich) auch auf den Euroraum ausstrahlen. Mehr als Erleichterungsrallies wären dies aber nicht. Ist erst einmal das britische Risiko neu (und fair) gepreist, werden die Fundamentalfaktoren wieder ausschlaggebend sein. Global allerdings sind die Konjunktur- und Gewinnaussichten eher nach unten gerichtet. Auch wenn der Wegfall des Extremrisikos „ungeregelter Austritt“ gepaart mit der Implementierung aufgeschobener Investitionsvorhaben für eine Zwischenerholung der britischen Wirtschaft sorgen sollten: Spätestens 2020 dürfte dann aber die US-getriebene Abschwächung der Weltwirtschaft auch dort ihren Tribut fordert.

Dass selbst ein geregelter Austritt Großbritannien nicht vor Wachstumsverlusten bewahrt (und die britische Wirtschaft nicht wieder auf seinen alten Wachstumspfad von vor dem Brexit-Votum zurückfindet), zeigt eine Studie der Bank of England (BoE) Ende letzten Jahres. Demnach muss das Vereinigte Königreich in den kommenden fünf Jahren mit BIP-Einbußen von bis zu 3¼% rechnen (siehe Grafik). Selbst im besten aller Fälle (Freihandel bei Waren und Dienstleistungen) wären es fast 2%. Dabei dürfte sich langfristig die Schere zum Status quo ante (d.h. vor dem Brexit-Votum) sogar weiter öffnen. Grund ist ein voraussichtlich niedrigeres Trendwachstum.

AUCH EIN GEREGELTER AUSTRITT KOSTET GROSSBRITANNIEN WACHSTUM

Bei ungeregeltem Austritt droht scharfe Rezession

Keine nennenswerten Auswirkungen auf unsere Anlagestrategie

Auswirkungen des dieswöchigen Abstimmungsmarathons in London auf unsere Anlagestrategie ergeben sich – weil im Ergebnis weitgehend erwartet – nicht wirklich. Wir sind angesichts des sich eintrübenden Konjunktur- und Gewinnumfelds in risikobehafteten Anlagen, sprich Aktien, derzeit noch defensiv positioniert. Perspektivisch ist allerdings eine neutrale Positionierung angedacht. Mittelfristige, temporäre Erleichterungsrallies bei Pfund

oder Aktien nach einem geregelten Brexit würden unsere Positionierung nicht wesentlich beeinflussen. Ein kurzfristiges, spekulatives Ausreizen von maximaler Performance entspricht nicht unserer Philosophie. Unser Fokus liegt auf der (Langfrist)Entwicklung Großbritanniens und der dort angesiedelten Unternehmen im Rahmen der Weltwirtschaft auch nach einem EU-Austritt.

EinBlick 15.03.2019