EinBlick 10.11.2018

Die Analyse aktueller Themen

Im „EinBlick“ werden aktuelle kapitalmarktrelevante Ereignisse analysiert und übersichtlich dargestellt.
11. Oktober 2018

 

Oliver-Postler

Oliver Postler
Chief Investment Officer

In den letzten Tagen hat die Schwankungsbreite, sprich Volatilität, an den Aktienmärkten wieder deutlich zugenommen. In den letzten 24 Stunden kam es weltweit zu heftigen Minuskorrekturen bei den wichtigsten Indizes. Aktien wurden teils hektisch aus den Portfolien geworfen. Panik ist jedoch selten ein guter Ratgeber. Besser ist es innezuhalten und die Faktenlage genau zu prüfen.

 

An den Börsen kam es in den letzten 24 Stunden weltweit zu heftigen Kursverlusten . Der US-amerikanische Aktienindex S&P 500 hat gestern allein 3,3 % abgegeben. Der technologielastige NASDAQ gab sogar um 4,1 % nach. Die schlechte Stimmung schwappte über Nacht nach Asien. Der japanische Nikkei verliert rund 4 %, der chinesische CSI 300-Index 4,8 %. Bereits gestern haben die Börsen in Europa die US-Schwäche antizipiert und kräftig nachgegeben. Der Euro Stoxx 50 verlor 1,7 % und der Deutsche Aktienindex DAX gab um 2,2 % nach. Die kräftigen Verluste in den USA und Asien dürften heute auch bei uns auf die Stimmung drücken. Die Börsen in Europa haben mit spürbaren Abschlägen eröffnet.

Letztlich gab es nicht einen Auslöser für die Konsolidierungswelle an den globalen Aktienmärkten. Es war ein Mix aus globalem Zinsanstieg, Handelsstreit, Brexit sowie das sich verschlechternde konjunkturelle und Finanzmarktumfeld in den Schwellenländern, der zu den Abgaben geführt hat. Mit dem Unterschreiten von charttechnischen Marken wurden weitere Verkäufe ausgelöst, die den Kursrutsch verstärkten. Die Wachstumserwartungen bleiben indes robust. Der IWF schätzt für 2019 nur ein geringfügig schwächeres globales Wachstum als für 2018. Sie betonen allerdings die Abwärtsrisiken. Gleichzeitig normalisieren die Notenbanken ihre Geldpolitik. Die USA ist hier weiter als die EZB. Der Höhepunkt der globalen Liquiditätsschwemme ist überschritten. Dies führt zu höheren Schwankungsbreiten.

Bislang waren die Spätphasen von Konjunkturzyklen – und da befinden wir uns – überwiegend gute Zeiten für Aktien. Allerdings fielen die Zugewinne oft geringer aus als in der frühen Aufschwungphase und wurden mit höheren Schwankungen erkauft. Insofern sehen wir aktuell weiter eine neutrale Positionierung auf der Aktienseite als gerechtfertigt an. 

Die Einigung im nordamerikanischen Handelsstreit (Neuauflage von NAFTA) hat bei Anlegern nur kurzzeitig für Entspannung gesorgt.
Zwar wird das Übereinkommen nach Einschätzung von Analysten realwirtschaftlich negative Auswirkungen für Kanada und die USA haben. Doch zunächst überwog die Erleichterung darüber, dass zumindest dieser von US-Präsident Donald Trump angezettelte Streit erst einmal vom Tisch ist. Und mit der EU und Japan herrscht zumindest vorerst Waffenstillstand. Das Risiko eines globalen Handelskriegs hat damit abgenommen. Allerdings eskaliert die Auseinandersetzung zwischen den USA und China weiter. Am Ende könnten alle US-Importe aus China mit Strafzöllen belegt sein. Das beunruhigte die Investoren zunehmend, auch weil wirtschaftliche Probleme Chinas schnell auf die benachbarten Schwellenmärkte überschwappen würden (Wertschöpfungsketten).

Die Anleger bleiben auch deshalb vorsichtig, weil im Vereinigten Königreich in diesen Tagen die Brexit-Hardliner eine Einigung mit der EU erschweren und es so zu einem harten Brexit (ohne Abkommen) kommen könnte. Die Wahrscheinlichkeit hierfür ist deutlich gestiegen. Das würde der britischen Wirtschaft großen Schaden zufügen und auch im Rest der EU Bremsspuren hinterlassen (vor allem Irland, Niederlande, Belgien).

Und noch ein drittes Thema sorgte für zunehmend mehr Verunsicherung an den Märkten – die Haushaltspolitik Italiens. Sie hat vor dem Tag der Deutschen Einheit zu deutlichen Abgaben in italienischen Staatspapieren geführt. Der Haushaltsentwurf der Regierungskoalition von M5S und Lega sieht für 2019 ein deutlich höheres Haushaltsdefizit von 2,4 % des Bruttoinlandsprodukts vor, das in den Folgejahren nur allmählich zurückgehen sollte. Der italienischen Regierung dürfte damit nicht nur Gegenwind von den Märkten und den Ratingagenturen drohen. Sie wird wohl auch auf einen Konflikt mit der EU-Kommission zusteuern.

Der Risikoaufschlag (Spread) von zehnjährigen italienischen Staatsanleihen gegenüber den entsprechenden Bundesanleihen ist zwischenzeitlich auf den höchsten Stand seit April 2013 gestiegen. Zuletzt betrug er gut 300 Basispunkte. Die Rendite zehnjähriger italienischer Staatsanleihen (BTP’s) kletterte auf über 3,5 % und damit auf den höchsten Stand seit 2014.

Überlagert wurde die regionale Entwicklung durch eine ausgeprägte Richtungsentwicklung der Staatsanleihenmärkte insgesamt. Das Epizentrum der generellen Marktentwicklung waren dabei die USA. Im Zehnjahresbereich zog die laufende Verzinsung der US-Staatsanleihen (Treasuries) bis auf 3,25 % an, womit sie das höchste Niveau seit 2011 erreichte. Die Rendite zehnjähriger deutscher Staatsanleihen (Bunds) konnte sich dem Aufwärtssog nicht entziehen und stieg in der Folge auf 0,56 % und damit den höchsten Stand seit Mai dieses Jahres.

Auslöser des Ausverkaufs waren unter anderem unerwartet starke US-Arbeitsmarktdaten, auch wenn die jüngsten Beschäftigungszahlen durch den Hurrikan Florence nach unten verzerrt waren. Die Arbeitslosenquote in den USA aber ist im September in der Folge auf den niedrigsten Stand seit 1969 gefallen. Im Vergleich zum August sank sie deutlich um 0,2 Punkte auf 3,7 %. Gleichzeitig steigt der Arbeitskostendruck sukzessive an.

Zudem hatte Fed-Chairman Jerome Powell die Entwicklung der US-Konjunktur als „bemerkenswert positiv“ bezeichnet und erklärt, eine weiterhin gute Entwicklung zu erwarten. Die Fed bleibt daher unter Handlungsdruck, ihren Leitzinserhöhungskurs wie avisiert fortzusetzen – auch wenn sie Präsident Trump dafür öffentlich kritisiert. Daneben reduziert sie bereits ihre Bilanzsumme, die sich durch die Anleihekäufe der letzten Jahre kräftig ausgeweitet hatte. Der Anstieg der Anleiherenditen und die verstärkten Fed-Zinserhöhungserwartungen färbten dann auch auf die Aktienmärkte ab und avancierten so zum Vorspiel der gestrigen Kurseinbrüche. Als dann gestern noch der IWF der Fed zur Seite sprang, vor allem aber in ihrem „Global Financial Stability Report“ auf neue Schwachstellen des Finanzsystems verwies, die mit steigenden Zinsen offengelegt werden könnten, und auch die wieder gestiegene öffentliche und private Verschuldung erwähnte, brachen die Dämme. Die robuste wirtschaftliche Verfassung treibt nämlich die Zinsen in den etablierten Industrienationen hoch.

US-Anleihen werden damit wieder attraktiver. So liegt die Dividendenrendite im S&P-500-Index bei 1,7 %, während man auf zwei Jahre bereits fast 2,9 % Zinsen p.a. mit US-Staatsanleihen erhält. Allerdings steigen dadurch die Finanzierungskosten für die Unternehmen, und Konsum auf Kredit wird ebenfalls teurer. Das wirkt sicher nicht sofort, aber mittelfristig bremsend. Von der Erwartung steigender US-Zinsen profitierte auch der Dollar. Er legte gegenüber dem Euro auf 1,15 zu.

Die steigenden US-Zinsen und ein festerer US-Dollar belasten aber die Schwellenländer. Insbesondere Länder mit hohen Anteilen der Verschuldung in ausländischer Währung kommen unter Druck. Beispiele hierfür sind Argentinien und die Türkei. Dazu zeigen sich die Auswirkungen des Handelsstreits zwischen den USA und China. Der chinesische CSI 300 hat alleine im laufenden Jahr über 20 % verloren.

Der deutsche Aktienindex DAX litt unter dem schlechten Nachrichten-Mix besonders und sackte in zwei Tagen etwas unter 11.600 Indexpunkte. Damit liegt er seit Jahresanfang rund 10 % im Minus und 15 % unter dem Jahres- und Allzeithoch. Er ist damit klar unter eine wichtige charttechnische Unterstützungszone gefallen. Dem deutschen Aktienmarkt halfen auch positive Nachrichten von der Konjunktur nicht. Eine starke Nachfrage nach Produkten „Made in Germany“ aus Übersee hat der Industrie im
August unerwartet viele Neuaufträge beschert. Saison-, kalender- und preisbereinigt kletterte der Ordereingang um 2,0 % zum Vormonat. Ökonomen hatten nach dem kräftigen Rückgang von 0,9 % im Juli mit einem schwächeren Zuwachs gerechnet.

Aus den USA kommen (noch mehr) positive Konjunktur- und Firmennachrichten. Hat sich der momentane Staub erst einmal gelegt, haben sie durchaus das Potenzial, die Stimmung wieder zu stabilisieren. Dazu zählt auch die US-Bilanzsaison. Die drei Banken JP Morgan, Wells Fargo und Citigroup legen am Freitag ihre Quartalszahlen vor. US-Finanzinstitute dürften wie bereits in den Vorquartalen besonders von den Steuersenkungen zu Jahresanfang, der brummenden US-Konjunktur und den steigenden Zinsen profitieren.

Unterstützung für die Märkte könnte kurzfristig auch noch von der Weltwirtschaft kommen. Noch ist sie robust. Das ist auch der Tenor des jüngsten IWF „World Economic Outlook“. Und auch für 2019 erwarten wir noch ein ordentliches Wachstum. Damit dürften in der aktuellen späten Phase des Konjunkturzyklus kurzfristig durchaus noch Chancen auf der Aktienseite gegeben sein.

Allerdings wird die Weltwirtschaft an Tempo verlieren, die Abwärtsrisiken dominieren. Zudem dürften die Zinsen weiter steigen, auch in Europa. Es wird allerdings wohl eher ein gradueller Anstieg. Die EZB wird wohl frühestens in einem Jahr die Zinsen weg von der Null bewegen. Damit dürften die Renditen der deutschen Staatsanleihen nur langsam und moderat nach oben gehen. Trotzdem: Steigende Renditen sind zwar gut für die Perspektiven bei der Wiederanlage fälliger Gelder, haben aber auch ihre Schattenseiten für Anleger. Auf den Bestand wirken sie negativ. Die Bewertungen gehen runter – je länger die Restlaufzeit, desto stärker.

Gleichzeitig fällt mit dem Entzug zusätzlicher Liquidität ein wesentlicher Treiber für die Aufwärtsbewegung an den Anlagemärkten der letzten Jahre weg. Die Marktentwicklungen dürften damit schwankungsreicher (volatiler) werden. Der Höhepunkt an zusätzlicher Liquidität durch die Notenbanken ist jedenfalls überschritten. Die US-Notenbank Fed reduziert bereits ihre Bilanzsumme und die europäische Zentralbank EZB wird ihr Anleihekaufprogramm Ende 2018 einstellen.

Im aktuellen Umfeld erachten wir insgesamt eine ausgewogene Streuung und dosierte Risikonahme für angebracht – trotz der jüngsten Turbulenzen. Gleichzeitig gilt es, flexibel auf Veränderungen reagieren zu können. Wir bleiben derzeit in einem ausgewogenen Portfolio neutral gewichtet auf der Aktienseite mit 50 %. Es erscheinen jedoch zunehmend mehr die Branchen nahe am Konsum (Food & Beverage, Health Care, Personal & Household Goods) sowie spätzyklisch Oil & Gas und weniger die pro-zyklischen Sektoren interessant. Wir sind in unserer Allokation diesbezüglich weit fortgeschritten. Auf der Länderebene bevorzugen wir die entwickelten Länder gegenüber den Schwellenmärkten. Anleihen sind in unserem Portfolio mit rund 37 % weiter untergewichtet. Dabei präferieren wir zunehmend Staatsanleihen aus den USA und (selektiver in) Europa gegenüber Unternehmensanleihen und Schwellenländern. Daneben haben wir rund 3 % Gold unserem Portfolio beigemischt. Die Liquiditätsquote stellt für uns eine Option dar, flexibel auf Marktopportunitäten reagieren zu können.

EinBlick 10.11.2018