EinBlick 10.03.2020

Die Analyse aktueller Themen

Im „EinBlick“ werden aktuelle kapitalmarktrelevante Ereignisse analysiert und übersichtlich dargestellt.
10. März 2020

Dr. Philip Gisdakis
Chief Investment Officer

Die Aktienmärkte erlitten zu Beginn dieser Woche weltweit schwere Verluste und die Renditen von Bundesanleihen fielen auf neue Rekordtiefs. Dies geschah vor dem Hintergrund einer doppelten Belastung. Zusätzlich zu den Belastungen aufgrund der Entwicklungen des Corona-Virus brach nun auch der Ölpreis ein. Dieser erlitt bereits in den letzten Tagen und Wochen erhebliche Verluste, da die Maßnahmen zur Eindämmung der Ausbreitung des Virus die Energienachfrage belastete. Der jüngste Schlag für den Ölpreis (vorübergehend fiel er innerhalb eines Tages um mehr als 30 %) kam jedoch, da die OPEC nicht in der Lage war, sich mit Russland auf Förderkürzungen zu einigen, um die Märkte zu stabilisieren. Was folgte, scheint der Beginn eines Preiskriegs der großen Ölförderländer mit einer massiven Angebotserhöhung an den Ölmärkten bei gleichzeitig sinkender Nachfrage zu sein.

Die stark negative Reaktion der US-Aktien auf die sinkenden Ölpreise ist auf die Bedeutung der Schieferölproduzenten für den US-Finanzmarkt und die Wirtschaft zurückzuführen. Die amerikanischen Schieferölproduzenten sind in der Regel hoch verschuldet und werden bei den derzeitigen Ölpreisen kaum rentabel sein. Kreditausfälle könnten die Folgen sein. Entsprechend haben sich die Kreditrisikoaufschläge bereits erheblich ausgeweitet, insbesondere bei hochverzinslichen Anleihen. Dies könnte zu einem umfassenderen Problem für die USA werden, da die Verschuldung der US-Unternehmen in den letzten Jahren erheblich zugenommen hat. Letztere wurde zu einem erheblichen Teil zur Finanzierung von Aktienrückkäufen aufgewendet und macht die Bilanzen der jeweiligen Firmen krisenanfälliger. Obwohl auch die europäischen Unternehmensanleihen in den letzten Tagen unter einer Ausweitung der Kreditrisikoprämien litten, sieht die Situation für europäische Unternehmen grundsätzlich stabiler aus, da die Verschuldung weit weniger stark zugenommen hat als in den USA.

Am Dienstagmorgen gab es erste Anzeichen für eine Stabilisierung der Märkte, denn europäische Aktienindizes sind von den Tiefstständen des Vortages angestiegen. Dennoch bleibt die Situation unsicher und die hohe Volatilität wird wahrscheinlich in den kommenden Tagen und Wochen weiter anhalten. Die Unterstützung durch die Zentralbanken – die US-Notenbank senkte die Zinssätze in der vergangenen Woche um 50 Basispunkte – ist ein wichtiger Faktor und weitere Unterstützung durch andere Zentralbanken, einschließlich der EZB, wird erwartet. Die Zinssenkung durch die Fed hatte jedoch auch Auswirkungen auf die Devisenmärkte, da der USD deutlich abwertete. Dies belastet jedoch die exportabhängige europäische Wirtschaft, da ein höherer EUR-USD-Kurs den Verkauf von Waren an globale Kunden verteuert. Darüber hinaus haben USD-Vermögenswerte wie US-Aktien und US-Staatsanleihen aus der Sicht eines EUR-Anlegers an Wert eingebüßt. Und auch die Entwicklung von Gold wurde zu einem gewissen Grad getrübt.

Darüber hinaus werden die bereits vielerorts angekündigten Konjunkturmaßnahmen den Volkswirtschaften helfen, mit den Folgen der Maßnahmen zur Eindämmung der Verbreitung der Viruskrankheit fertig zu werden. Dennoch werden diese Entwicklungen die Wirtschaftstätigkeit in der ersten Hälfte des Jahres 2020 belasten und sich negativ auf Unternehmensgewinne auswirken. Bei den derzeitigen Bewertungen ist dieses negative wirtschaftliche Szenario aber schon zu einem erheblichen Teil in den Aktien- und Anleihekursen reflektiert. Für einen langfristigen Anlagehorizont bieten Aktien im Allgemeinen ein höheres Renditepotenzial als viele andere Anlageklassen. Dies gilt auch bezüglich des nun niedrigeren Einstiegsniveaus. Das entsprechende Risiko-Renditepotenzial von Aktien muss natürlich auch im Vergleich zu den jetzt noch negativeren Renditen in den Rentenmärkten bewertet werden. Allerdings wird die Volatilität an den Aktienmärkten in naher Zukunft hoch bleiben, und weitere Kursrückgänge sind durchaus möglich.

Dennoch ist die europäische Wirtschaft aus unserer Sicht robust genug, um die aktuellen Herausforderungen zu meistern. Wichtig ist, dass der niedrige Ölpreis – ein großer Teil des Preisrückgangs wurde von der Angebotsseite verursacht – kein Problem für die europäische Wirtschaft darstellt, sondern eine Stütze ist, da niedrigere Energiekosten die Rentabilität der Unternehmen unterstützen werden.

Risikobewusstsein, ein disziplinierter Investitionsprozess und ein gut diversifiziertes Portfolio sind in einem solchen Umfeld von entscheidender Bedeutung. Der Vorteil eines ausgewogenen Portfolios, das auch Anleihen, alternative Anlageklassen wie z. B. Gold und einen gewissen Liquiditätspuffer enthält, wird im aktuellen Umfeld deutlich. Die Mittel können auch dazu verwendet werden, von niedrigeren Aktienkursen zu profitieren, da sie in interessantere Anlagen umgeschichtet werden können, sobald sich die Lage stabilisiert hat.

Bei unseren Mandaten halten wir derzeit an unserer defensiven Portfolioallokation fest. Wir werden ein Aktienengagement am unteren Ende unserer neutralen Bandbreite beibehalten, aber Gelegenheiten nutzen, um selektiv solide Aktien hinzuzufügen. In Gold bleiben wir übergewichtet.

EinBlick 10.03.2020