AusBlick

Die monatliche Konjunktur- und Markteinschätzung

Der „AusBlick“ bietet Ihnen eine ausführliche Analyse der Ereignisse an den Kapitalmärkten und der Weltwirtschaft. Neben einer Beschreibung unserer Anlagestrategie wird zusätzlich ein aktuelles Fokusthema tiefgreifend analysiert.
14. September 2021

CIO Kommentar

Die Sommerpause des zweiten Corona-Jahres war verhältnismäßig ereignisarm, wenn man einmal von den überraschenden und dramatischen Entwicklungen in Afghanistan absieht. Letzteres hat Implikationen auf geostrategischer Ebene – auch für die westlichen Industrienationen –, aber keine unmittelbaren Konsequenzen für Weltwirtschaft und internationale Kapitalmärkte. Unsere Hoffnung bleibt, dass das leid- und kriegsgeplagte Land einen friedlichen Weg in die Zukunft findet und dass zentrale Menschenrechte beachtet werden – das schließt selbstverständlich die Rechte von Mädchen und Frauen sowie die von Minderheiten mit ein. Für das Land selbst und seine Bevölkerung wird die wirtschaftliche Entwicklung von entscheidender Bedeutung sein. Afghanistan zählt zu den ärmsten Ländern der Welt und seine Wirtschaft ist in hohem Maße auf Unterstützungszahlungen angewiesen. Ob und in welcher Höhe diese in Zukunft fließen, ist ungewiss. Eine inklusive Gesellschaftsordnung ist hier ein zentraler Faktor, sowohl bezüglich etwaiger Wirtschaftshilfen, als auch aus der Perspektive der Binnenwirtschaft. Der Ausschluss großer Teile der Bevölkerung vom gesellschaftlichen Leben wäre nicht nur aus der Sicht der Menschenrechte eine Katastrophe, sondern auch aus wirtschaftlicher Perspektive.

Für die internationalen Kapitalmärkte deutlich relevanter waren während der Sommerpause zwei Entwicklungen: der starke Anstieg der Corona-Infektionsraten in Asien, den USA und einigen europäischen Ländern sowie mehrheitlich hinter den Erwartungen zurückgebliebenen Konjunkturzahlen – allen voran die zuletzt recht schwachen US-Arbeitsmarktdaten. Letzteres führte dazu, dass nun die Mehrheit der Beobachter nicht mehr davon ausgeht, dass die Rückführung des Anleihekaufprogramms der Fed, also das sogenannte „Tapering“, unmittelbar bevorsteht. Vielmehr wird die Fed wohl die Implikationen der Delta-Welle auf den Arbeitsmarkt abwarten wollen. Da der Oktober-Bericht erst Anfang November publiziert wird, dürfte der „Tapering“-Startschuss erst im Dezember fallen. Diese Zeitachse galt allerdings schon vor der Sommerpause von vielen Markt­beobachtern als das wahrscheinlichste Szenario.

Die steigenden Infektionszahlen hatten (zusammen mit Lieferkettenproblemen und Chinas Wachstumsschwäche) aber nicht nur Auswirkungen auf die Fed-Erwartungen, sondern dämpften auch die Wachstumsprognosen. Die Konsensschätzungen für das US-Wirtschaftswachstum im laufenden und den kommenden zwei Quartalen gingen um annualisiert je einen halben Prozentpunkt zurück. Die Prognosen für das restliche Jahr 2022 wurden indes nur geringfügig angehoben.

Steigende Infektionsraten bereiten zunehmend Kopfzerbrechen. Das gilt insbesondere in Ländern mit vergleichsweise niedrigen Impfraten. In Europa gehört Deutschland zu den Staaten mit bisher eher unzureichendem Impfschutz. Länder, die von der Pandemie mit voller Wucht getroffen wurden und viel Leid, aber auch schärfere Lockdown-Maßnahmen erlebt haben, zeigen bis dato eine höhere Impfbereitschaft und werden voraussichtlich im Herbst weniger belastet sein. Dazu gehören Italien, Spanien und Portugal.

Der bereits vorhandene Impfschutz in der Bevölkerung, insbesondere unter den vulnerablen Gruppen, wird aber dafür sorgen, dass die Delta-Welle insgesamt weniger dramatische Konsequenzen haben wird als die Infektionswelle im vergangenen Herbst. Die höheren Impfraten in Europa im Vergleich zu den USA im Verbund mit der günstigeren Bewertung europäischer Aktienmärkte und der vermutlich länger anhaltenden geldpolitischen Unterstützung durch die EZB dürften europäischen Aktien im Vergleich zu ihren US-Pendants einen Vorteil verschaffen. Das unterstreicht unsere schon länger währende Präferenz für europäische Werte.

Insgesamt stellt sich das Gesamtbild allerdings etwas weniger euphorisch da als noch zu Beginn des Sommers. Aber auch damals schon erschienen uns die hochgeschraubten Erwartungen als etwas übertrieben. Das Gesamtbild eines positiven globalen Aktienumfeldes bleibt aus unserer Sicht bis auf weiteres intakt. Insgesamt sollte der Branchenmix aber weniger zyklisch werden. Unternehmen mit solidem Geschäftsmodell und robusten Bilanzen werden sich auch weiterhin positiv entwickeln. Hier können Schwächephasen, die durchaus zu erwarten sind, zu selektiven Zukäufen genutzt werden. Eine positive Entwicklung bei den Impfraten – insbesondere in solchen Ländern mit größeren ungeimpften Bevölkerungsgruppen – könnte den Märkten zusätzliche Unterstützung geben.

CIO Kommentar