AusBlick

Die monatliche Konjunktur- und Markteinschätzung

Der „AusBlick“ bietet Ihnen eine ausführliche Analyse der Ereignisse an den Kapitalmärkten und der Weltwirtschaft. Neben einer Beschreibung unserer Anlagestrategie wird zusätzlich ein aktuelles Fokusthema tiefgreifend analysiert.
04. September 2020

CIO Kommentar

„In der Krise beweist sich der Charakter“, so lautet ein Zitat des früheren deutschen Bundeskanzlers Helmut Schmidt. Die vergangenen 20 Jahre waren demnach für Anleger nicht arm an Gelegenheiten, ihren Charakter unter Beweis zu stellen. Das Platzen der Dotcom-Blase vor 20 Jahren, gefolgt vom 11. September (2001), der Finanzmarktkrise Ende des letzten Jahrzehnts sowie der europäischen Staatsschuldenkrise.

Corona aber stellt sie alle in den Schatten. An den Börsen hatte es einen derart heftigen Einbruch in so kurzer Zeit bisher noch nicht gegeben. Und die Erosion der Wirtschaftsleistung von 10-20 % binnen eines Quartals ist zumindest seit der Großen Depression vor einem Jahrhundert nicht mehr in den Geschichtsbüchern zu finden. Und als wäre das noch nicht genug, mussten wir uns um unsere Gesundheit und die unserer Familien und Freunde sorgen.

So dramatisch die Entwicklungen in diesem Jahr auch waren, von unserer Warte aus betrachtet haben wir in Europa, gemessen am Maßstab von Helmut Schmidt, durchaus Charakterstärke bewiesen. Wir haben kühlen Kopf bewahrt, die Situation rational und wissenschaftlich analysiert, zielführende aber auch einschneidende Maßnahmen ergriffen und sie konsequent umgesetzt. Wir haben unsere wirtschaftlichen und finanziellen Spielräume ausgereizt und dabei auch noch Innovationen und Investitionen angeschoben. Gleichzeitig konnten wir uns in Europa weitestgehend auf die Disziplin und Duldsamkeit der Bevölkerung verlassen. All das sind gute Vorraussetzungen zur Bewältigung der Krise.

Und noch eine gute Nachricht: Ein wirksamer Impfstoff gegen Corona rückt näher und steht möglicherweise schon zum Jahreswechsel zur Verfügung – und Europa war vorne dabei. Die Menschheit ist also in der Lage, ein neues Virus rasch zu bekämpfen. Das sollte uns, über den Moment hinaus, zuversichtlich stimmen. Gemeinsam sind wir in der Lage, den größten Herausforderungen zu begegnen. Zudem haben wir in Europa die Erkenntnis gewonnen, dass nur solidarisches Handeln die Zukunft sichern kann. Nicht alle Staatenlenker wollen derzeit diese Einsicht teilen.

Neben diesen positiven Entwicklungen sehen wir uns aber noch immer zahlreichen Herausforderungen gegenüber. Auch wenn ein wirksamer Impfstoff bald verfügbar sein sollte, wird noch eine quälend lange Zeit vergehen, bis wir alle wieder unbeschwert leben können. Bis dahin wird die Weltgemeinschaft mit den einfachen, zum Teil Jahrhunderte alten Mitteln aus Testung, Kontaktverfolgung und sozialer Distanzierung arbeiten müssen, um das Infektionsgeschehen auf ein handhabbares Niveau bringen und kontrollieren zu können.

Der jüngste Anstieg der Infektionsraten in Europa hat uns vor Augen geführt, dass der Weg bis zu Massenimpfungen steinig sein wird. Die nächsten Wochen und Monate können daher noch Rückschläge bringen, auch an den Kapitalmärkten. Lässt sich der Anstieg der Fallzahlen nicht bald deckeln, besteht das Risiko, dass sich die schnelle wirtschaftliche Aufholjagd nach dem dramatischen Lockdown im März und April in Europa spürbar einbremst. Besonders betroffen von neuerlichen Corona-Maßnahmen sind die Dienstleistungssektoren – also die Segmente einer Volkswirtschaft, wo soziale Distanz nur schwer einzuhalten ist. Der jüngste Rückschlag der entsprechenden Einkaufsmanagerindizes sollte eine Warnung sein.

Aber auch wenn wir eine sich aufbauende zweite Welle unter Kontrolle bekommen, werden wichtige Herausforderungen bleiben. Aus wirtschaftlicher Perspektive betrachtet ist hier allen voran die deutlich gestiegene Verschuldung von Staaten, Unternehmen und auch privaten Haushalten zu nennen. Maßnahmen, diese gestiegene Verschuldung wieder zu reduzieren, könnten Wachstum kosten. Um so wichtiger ist es, dass Regierungen und Zentralbanken wachstumsfördernde Maßnahmen vorantreiben und in die Zukunft investieren, um so aus den Schulden herauszuwachsen. Gleichzeitig sorgen die Null- bzw. Negativzinsen im Verbund mit den gewaltigen Kaufprogrammen der Noten­banken noch lange für ein Finanzierungsumfeld, das besser nicht sein könnte.

Anleger sollten daher wachsam, aber auch pro-aktiv sein. Panik war noch nie ein guter Ratgeber. Verglichen mit den dramatischen Entwicklungen im März und April erscheinen die heutigen Herausforderungen überschaubar. Längerfristig orientierte Investoren sollten angesichts der vielversprechenden Aussichten auf wachstumsfördernde Maßnahmen Rückschläge an den Kapitalmärkten nutzen, um (wieder) in die Märkte einzusteigen.

CIO Kommentar