EinBlick

Die Analyse aktueller Themen

Im „EinBlick“ werden aktuelle kapitalmarktrelevante Ereignisse analysiert und übersichtlich dargestellt.
05. März 2018

Oliver Postler

Oliver Postler
Chief Investment Officer
Privatkunden Bank

Zwei Anläufe und ein halbes Jahr hat es gedauert, eine neue Regierung zu bilden. Ungewöhnlich lange für Deutschland. Zum Glück aber zeitig genug, um in neuer Formation wichtige Entscheidungen herbeizuführen. Dabei sind in der Europapolitik eher Impulse zu erwarten als in der Innenpolitik – wo weitgehend Umverteilung angesagt ist. Andere Länder haben uns mittlerweile in puncto Reformwillen und Tun überholt. Dabei braucht auch Deutschland dringend Weichenstellungen für mehr Wettbewerbsfähigkeit und Wachstum jenseits der kurzfristigen Sicht. Das aktuell positive Wachstumsbild bei hoher Beschäftigung sollte kein Anreiz sein, sich darauf auszuruhen. Das wird nicht ewig so bleiben!

SPD-Parteibasis votiert für Neuauflage der Großen Koalition

Weißer Rauch über Berlin – wir haben eine neue Regierung. 66% der SPD-Mitlieder haben für die Unterzeichnung des Koalitionsvertrags vom ­7. Februar votiert. Damit ist der Weg frei für die Bildung einer neuen, vierten Regierung unter Angela Merkel. Die Parteitage von CDU (26.2.) und CSU (8.2.) hatten den Koalitionsvertrag schon vorher gebilligt.

Die Kanzlerinwahl findet voraussichtlich Mitte kommender Woche (Mittwoch, 14.3.) statt – und damit noch rechtzeitig vor dem EU-Gipfel am 22./23. März, auf dem wichtige Entscheidungen über den „Brexit“ anstehen.

Die Wahl von Angela Merkel als Regierungschefin – ihrer dritten GroKo – scheint Formsache. Die Koalition verfügt über eine ordentliche, wenn auch spürbar geschrumpfte Mehrheit (399 von 709 Sitzen). Mit der Ernennung ihrer Ministerinnen und Minister ist dann die bislang längste Phase einer Regierungsbildung im Nachkriegsdeutschland abgeschlossen (Grafik nächste Seite).

Das Votum der SPD-Parteibasis fiel zwar weniger eindeutig aus als im Dezember 2013 (76%), war aber doch nicht so knapp wie mitunter befürchtet. Die Verhandlungserfolge der Sozialdemokraten (inkl. Ressortverteilung), der Rückzug von Martin Schulz als Parteichef und angestrebtem Außenministeramt sowie der Verzicht auf vorschnelle Personalrochaden waren wohl maßgeblich für die Zustimmung. Zudem gilt die Parteibasis (genauso wie die Parteispitze) als weniger dogmatisch als der Parteitag.

NOCH NIE DAUERTE EINE REGIERUNGSBILDUNG SO LANGE

Dauer der Regierungsbildung, in Tagen

Letztendlich dürfte aber insbesondere die weiter schwindende Wählergunst zum Ja der SPD-Mitglieder beigetragen haben. Neuesten Umfragen nach käme die SPD derzeit nur mehr auf 16%-18% der Stimmen (in einem Fall sogar auf weniger als die AfD). Ihre Gestaltungsmöglichkeiten nach einer Neuwahl wären dann wohl weit geringer als in der jetzigen Neuauflage der GroKo. Analysen zufolge findet sich im aktuellen Koalitionsvertrag rund 70% SPD-Semantik wieder.

SONNTAGSFRAGE: SPD VERLIERT WEITER AN ZUSTIMMUNG


Quelle: wahlrecht.de, UniCredit Bank

Regierungsprogramm nicht schlechter reden als es ist

Der Koalitionsvertrag stößt trotzdem auf wenig Gegenliebe – nicht nur in beträchtlichen Teilen der Protagonisten selbst (SPD: „keine Chance auf alternatives Politikkonzept“, CDU: „Selbstaufgabe“), sondern insbesondere in der veröffentlichten Meinung. Ja, es war nicht der große Wurf, auf den so viele gewartet haben. Es fehlt der Fokus auf die Zukunftssicherung, der Mut zu weitgehenden Entlastungen und Strukturreformen. Er birgt zu viel an Umverteilung und Formelkompromissen.

Aber: Politik in einem sich ausdifferenzierenden Mehrparteiensystem ist nun mal auf Kompromisse ausgelegt. Und die sind so schlecht nicht – erst recht nicht in einem Umfeld von linken Utopien, rechter Stimmungsmache, regierungsunwilligen Liberalen und sich neu sortierenden Grünen. Vielen Steuerzahlern wird der Soli erlassen, das Kindergeld steigt, strukturschwache Regionen bekommen Milliarden, Deutschland ein Zuwanderungsgesetz, 15.000 mehr Polizisten, 8.000 neue Pflegekräfte, 60.000 zusätzliche Sozialwohnungen, Familien ein Baukindergeld, die Rente wird stabilisiert, der Bund investiert Milliarden in Kitas, Schulen, Fachhochschulen und Unis, …, – und das alles (hoffentlich) ohne zusätzliche Neuverschuldung.

Die Neuauflage der Großen Koalition verspricht zudem Stabilität (ordentliche Mehrheit, siehe Grafik), Kontinuität (ein weitgehend eingespieltes Team), Kompromissfähigkeit sowie – und vor allem – einen ausgeprägten europapolitischen Reform- und Gestaltungswillen. Das ist sicher nicht die schlechteste Kombination vor dem Hintergrund ausgeprägter europäischer und geopolitischer Zentrifugalkräfte, zunehmender nationaler Egoismen sowie unberechenbarer Selbstdarsteller.

GROSSE KOALITION MIT SOLIDER BUNDESTAGSMAHERHEIT

Politischer Schwerpunkt Angela Merkels dürfte die Europapolitik sein. Hier stehen nicht nur weitreichende Entscheidungen an (insbesondere beim Thema „Brexit“), sondern es gilt auch, den vollmundigen Reformankündigungen nun Taten folgen zu lassen und so der in den letzten Monaten wieder gestiegenen Europa-Zuversicht auf dem alten Kontinent weitere Nahrung zu geben.

Die Voraussetzungen dafür sind nicht schlecht. Europapolitisch sind die Gemeinsamkeiten in der GroKo größer als bei allen anderen realistischen Regierungskonstellationen. Im Koalitionsvertrag ist das Bekenntnis zur Europäischen Idee tief verankert. Europa ist sogar das erste Kapitel gewidmet. Stärkere Integrationsanstrengungen und eine engere Zusammenarbeit mit Frankreich stehen ganz oben auf der Agenda. Die GroKo verspricht dabei zusätzliche Mittel für Strukturreformen, für eine stärkere soziale Konvergenz sowie zur konjunkturellen Stabilisierung (in Krisenzeiten). Möglicherweise stockt Deutschland auch seinen EU-Beitrag auf. Der Europäische Stabilitätsmechanismus (ESM) soll zu einem Europäischen Währungsfonds umgebaut werden. Gleichzeitig sind baldige deutsch-französische Gespräche zur Reform und Harmonisierung der Unternehmensbesteuerung geplant. Das Thema (EU-)Finanzen dürfte allerdings bei einigen Unionsabgeordneten auf wenig Gegenliebe stoßen. Die Richtlinienkompetenz der Kanzlerin aber wird letztendlich den Ausschlag geben.

Mit dem starken Bekenntnis der GroKo zur Europäischen Idee kann Angela Merkel gestärkt „nach Brüssel gehen“ und muss die Initiative in Sachen Europapolitik nun nicht mehr Emmanuel Macron überlassen.

Gestärkt und zu ihrer alten Führungsstärke zurückgefunden scheint sie auch im Inneren – so zumindest der erste Eindruck vom CDU-Parteitag vor genau einer Woche. Die überwältigende Zustimmung zum Koalitionsvertrag (fast 97%) sowie ihre geschickte Personalpolitik zeigen, dass sie Stimmungen und Strömungen nicht nur zu lesen, sondern auch einzubinden bzw. umzusetzen weiß und sie damit das Heft des Handels wieder in die Hand genommen hat. Der Abgesang auf Angela Merkel nach den Zugeständnissen im Koalitionsvertrag kam wohl zu früh. Ob dies allerdings mehr als ein Burgfrieden war, ob es Angela Merkel gelingt, ihre Nachfolge gut zu orchestrieren, muss sich erst zeigen. Der Stachel der „Sozialdemokratisierung der CDU“ sitzt tief, die Wunden könnten im Lauf der Legislaturperiode nur allzu leicht wieder aufbrechen. Die GroKo-Mehrheit ist so satt nicht, dass sich die Regierungsparteien darauf ausruhen könnten. Das gilt auch für die SPD. Sie muss – aufbauend auf einer neuen Programmatik – ihrer Basis ihren Anteil an der Regierungsarbeit besser vermitteln als in der letzten Legislaturperiode. Gelingt ihr das, kann sie mit einer wieder zunehmenden Wählergunst rechnen. Aber auch das wird erst die Zeit weisen.

Regierungsbildung ohne nennenswerte Auswirkungen auf Finanzmärkte und Anlagestrategie

Das Ja der SPD zum Koalitionsvertrag und damit eine baldige Regierungsbildung dürfte keine nachhaltigen Reaktionen an den Finanzmärkten hervorrufen, haben die meisten Investoren doch mit einem solchen Ergebnis gerechnet. Die ersten Marktreaktionen unterstreichen das. Weil aber die politische Hängepartie in Italien wohl genau zu dem Zeitpunkt beginnt, zu dem sie in Deutschland endete, sollte man genauso wenig auf ein „all clear“ in Sachen politische Unsicherheit in Europa setzen und auf Impulse hoffen.

Das war auch bisher schon unser Basisszenario. Wir sehen daher keinen Anlass, unsere Anlagestrategie nennenswert anzupassen. Nach den jüngsten Korrekturen (überzogene Bewertung & Stimmung, Gefahr eines Handelskriegs) haben Aktien angesichts des stark bleibenden konjunkturellen Umfelds und steigender Firmengewinne noch Spielraum nach oben. Zwischenzeitlich kann es dabei aber immer mal wieder zu Rückschlägen kommen. Mittelfristig sollte – ausgehend von den USA – der Gegenwind dann ohnehin rauer werden, weil die Märkte ihren Fokus mehr und mehr auf Eintrübung der US-Konjunktur- und Gewinnperspektiven verlagern. Das lässt dort Minuskorrekturen erwarten, bei uns bestenfalls eine breit angelegte Seitwärtsbewegung. Dafür aber hat mit dem jüngsten Renditeschub die Attraktivität lang laufender US-Staatspapiere zugenommen.

Noch sind wir in Aktien „leicht übergewichtet“, werden aber die wohl noch steigenden Kurse voraussichtlich dazu nutzen, unsere Positionierung sukzessive auf „neutral“ zurückzufahren. Gleichzeitig rüsten wir uns schon frühzeitig für eine Sektorrotation von zyklischen, investitionsgetriebenen Branchen wie Technologie, Industriegüter- & -dienstleistungen sowie Banken (steilere Zinsstruktur) in Richtung werthaltige, konsumgetriebene Segmente.

Nachdem das Gros des Renditeanstiegs, zumindest in den USA, schon hinter uns liegt, haben wir unseren US-Rentenanteil leicht erhöht, sind aber weiterhin „neutral“ gewichtet. Bei Renten bzw. Staatsanleihen im Euroraum bleiben wir angesichts der Minirenditen bewusst untergewichtet und wählen relativ kurze Restlaufzeiten (Duration). Beim Dollar sind wir weitgehend „neutral“ aufgestellt, bei Rohstoffen konzentrieren wir uns auf Gold.