EinBlick

Die Analyse aktueller Themen

Im „EinBlick“ werden aktuelle kapitalmarktrelevante Ereignisse analysiert und übersichtlich dargestellt.
25. Juni 2018

Oliver Postler

Oliver Postler
Chief Investment Officer

Sehr geehrter Herr Postler, die letzten Daten zum Wachstum in Deutschland waren eher rückläufig. Ist der Boom vorbei?

Es gibt zumindest klare Anzeichen, die diese Schlussfolgerung zulassen. Das Wachstum in Deutschland hat sich im 1. Quartal 2018 mit 0,3 % gegenüber dem Vorquartal halbiert. Sinkende Stimmungsindikatoren (ifo, PMI) sowie eine schwache Industrieproduktion kündigten dies bereits im Vorfeld an.

Wie verläuft das 2. Quartal?

Finale Zahlen gibt es natürlich noch nicht, aber auch hier sind die Vorzeichen rückläufig. Die deutsche Wirtschaft ist unerwartet schwach in das Frühjahr gestartet. Die Auftragseingänge gingen im April im Monatsvergleich unerwartet deutlich um 2½ % zurück. Auch die Produktion und die Exporte sind rückläufig.

Wie sieht es für Europa aus?

Nicht wirklich besser. Die Frühindikatoren zeigen auch für Europa ein nachlassendes Momentum. Eine starke, nachhaltige Wachstumsschwäche oder gar Rezession zeichnet sich bislang allerdings nicht ab. Insgesamt sollte das Wachstum in 2018/2019 bei rund 2 % auslaufen.

Welchen Einfluss hat das Thema internationale „Handelsbeziehungen“?

Der sich abzeichnende Handelsstreit ist gefährlich. Er hat das Potenzial, der globalen Konjunktur erheblich zu schaden. Bei einer Eskalation würden die Wertschöpfungsketten über die Landesgrenzen hinweg gestört. Güter und Dienstleistungen würden in der Folge tendenziell teurer.

Aber noch wissen wir nicht, ob die Politik von US-Präsident Trump eine taktische Positionierung ist, um die USA in eine bessere Lage am Weltmarkt zu bringen, oder ob sie eine Spirale in Gang setzt, bei der letztlich alle Verlierer sind. Ich zähle auf die Vernunft von „Corporate America“ und die politischen Instanzen („Checks and Balances“) des Landes. Sie können Trump von radikalen Schritten abhalten.

Wie beeinflusst das die Finanzmärkte?

Die im Kern immer noch positiven ökonomischen Daten treten zeitweise in den Hintergrund. Das macht die Finanzmärkte schwankungsanfälliger. Diese Situation wird fortdauern, selbst wenn am Ende die ökonomischen Fakten und nicht die Politik die Richtung weisen.

Das klingt alles nach keinem guten Nährboden für steigende Aktienkurse oder?

Der globale Aktienmarkt steht grundsätzlich weiter auf festen Beinen. Große Korrekturen gehen in der Regel mit Rezessionen einher. Das ist derzeit nicht wahrscheinlich. Das Risiko einer Verlangsamung des Welthandels hat die Stimmung bislang nur gedämpft. Sie ist nicht mehr sehr optimistisch, aber zeigt auch noch keine Angst. Zwei wichtige Marktsegmente in den USA – der Russel 2000 Index für Small Caps und Technologie-Aktien – konnten zuletzt sogar wieder neue Rekorde setzen.

Dann geht es weiter nach oben?

Wir befinden uns in einer Spätphase des Investitionszyklus. In der Vergangenheit waren dies in der Regel Phasen, in denen die Aktienkurse steigen. Aufgrund der beschriebenen Rahmenbedingungen sehen wir über die Sommermonate aber eher eine breit angelegte Seitwärtsbewegung. Langsameres Gewinnwachstum und die aktuelle Bewertungen begrenzen das verbleibende Potenzial. In Europa kommen noch politische Unsicherheiten hinzu.

Was bedeutet das für die Portfoliozusammensetzung?

Es ist eine schwierige Phase. Auf der einen Seite besteht die Gefahr nach oben etwas zu verpassen, auf der anderen Seite sind Konsolidierungen jederzeit möglich. Daher sind wir im Aktienbereich „neutral“ gewichtet und versuchen über gezielte Selektion unser Portfolio an die Gegebenheiten anzupassen. So könnte eine Verlagerung der Schwerpunkte von zyklischen Investments in Richtung defensiver Sektoren wie Verbrauchsgüter, Gesundheit und Versorger anstehen. Daneben könnten Themen wie Energie und Rohstoffe, also Erdöl- und Minentitel in einer späten Phase profitieren. Auch den IT-Sektor sehen wir nach wie vor in einem positiven Licht.

Insgesamt sind wir in einem ausgewogenen Portfolio (neutrales Gewicht 50 % Aktien) mit ca. 50 % immer noch am stärksten in Aktien investiert. Im Anleihensegment sind wir in Europa weiterhin untergewichtet. Auch wenn uns die jüngsten Aussagen der EZB dazu veranlasst haben den Rentenbereich mit Staatsanleihen sehr guter Bonität mit längerer Restlaufzeit aufzustocken. Der vorgehaltene Cash-Anteil bietet die Möglichkeit das Portfolio weiter an die Gegebenheiten anzupassen und beispielsweise in Konsolidierungsphasen auf der Aktienseite Qualitätstitel zukaufen zu können.

Was ist ihr Fazit für den Anleger?

Etwas vorsichtiger werden, selektiv sein und nicht gleich die Nerven verlieren, wenn die Börse unruhig ist. Die Aktienmärkte werden volatiler, aber sie sind noch nicht am Zenit. Die fundamentalen Rahmenbedingungen sind weiterhin konstruktiv zu werten. Späte Phasen im Konjunkturzyklus können immer noch gute Aktienphasen sein. Erwartete Zugewinne dürften jedoch mit höheren Schwankungen einhergehen.